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Der rote Faden in der Bibel und im Leben  
.

Was ist der Kern des Christentums?


von Rolf-Dieter Braun


Stellen Sie sich vor, man würde Ihnen in einer Umfrage die Frage stellen: „Was ist der Kern des Christentums?“ - Wie würde Ihre Antwort lauten? Und welche Bibeltexte würden Sie da nennen?

Wahrscheinlich käme bei einer solchen Umfrage eine bunte Mischung heraus. Die Verschiedenartigkeit unserer bisherigen Glaubenserfahrungen und konfessionellen Prägungen würde sich hier sicher deutlich widerspiegeln.


Wollen wir etwas dazulernen?

Haben Sie auch schon mal die „Grundlagen-Liste“ in Hebr 6,1-2 gelesen und sich gewundert, dass dort auch das „Auflegen der Hände“ genannt ist? Diesen Punkt würden die meisten Christen wohl kaum zu dem rechnen, was „zuerst von Christus verkündet werden muss“ (Hebr 6,1 EÜ).

Das sollte uns zu denken geben. Wenn wir wirklich etwas dazulernen wollen, sollten wir uns nicht vorschnell nur dem zuwenden, was wir für die Kerntexte halten; sonst landen wir immer wieder bei den „populären“ Passagen in der Bibel, die - zumindest in unseren christlichen Kreisen - schon immer gut angekommen sind. Die Fragestellung muss stattdessen heißen: Was wird in der Bibel selbst als Grundaussage bezeichnet? Was gehörte damals bei Jesus und seinen Schülern zum „Kleinen Einmaleins“ des Christseins?

Es gibt in der Bibel einige Texte, die genau zu diesem Zweck formuliert wurden: als Zusammenfassung der Grundaussagen.(1) Wenn man diese Bekenntnisse und Glaubensformeln zusammenstellt und vergleicht, wird eines ganz deutlich: Es geht immer um Jesus - und zwar um seinen Kreuzestod und seine Auferweckung, um seine bahnbrechende Rettungstat und seine Herrschaft.

Das ist auch nicht verwunderlich bei einer Religion, in der alles davon abhängt, dass Jesus tatsächlich der „Christus“ (= Messias, d. h. der von Gott Gesandte und Gesalbte) ist. Deshalb erklärt Paulus: Das einzige, ausschließliche Fundament ist Jesus, der Christus.(2)


Was war für Jesus wichtig?

Dazulernen können wir auch durch folgende Fragestellung: Was waren eigentlich bei Jesus die großen Themen? Sind seine Schwerpunkte auch unsere Lieblingsthemen und Hauptanliegen? Und könnten wir seine Zentralbegriffe mit Worten aus unserer Sprache verständlich wiedergeben oder erklären?

Aus der Fülle seiner Worte ragen z. B. die vielen Aussagen über das „Reich Gottes“ heraus. Mit diesem missverständlichen Begriff (andere Übersetzungsmöglichkeiten: Königsherrschaft Gottes, Gottesherrschaft) ist die Verwirklichung des Willens Gottes gemeint. (Als „Anregungen zum Weiterforschen“ sind im nebenstehenden Kasten einige weitere Programm-Begriffe und Wortgruppen genannt, die im Neuen Testament eine zentrale Bedeutung haben.)

An welche Bibeltexte denken Sie noch, wenn Sie sich eine „eiserne Ration“ zusammenstellen wollen? Zu Recht fällt vielen in diesem Zusammenhang das so genannte „Vaterunser“ ein (Mt 6,9-13). Jesus hat es als Muster-Gebet für seine damaligen (und künftigen) Schüler formuliert und deshalb den Kern seiner Botschaft hineingepackt.

Schon die ersten Worte dieses Gebets enthalten eine starke Aussage: Jesus behauptet allen Ernstes, dass wir Gott mit „Vater“ anreden dürfen(3). Gott möchte also, dass wir ein ganz vertrautes und vertrauensvolles Verhältnis zu ihm haben. Das ist eine ganz zentrale Aussage in der Theologie Jesu (und damit eine der wichtigsten Grundlagen unseres Christseins): Es geht immer um die Beziehung zwischen Gott und Mensch; Gott will uns zu verstehen geben, dass er uns unendlich liebt. Das zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Bibel.

Im „Vaterunser“ begegnen uns noch eine ganze Reihe von weiteren zentralen Begriffen und Bildern: Schuld, Vergebung, Befreiung („Erlösung“), Gottes Herrschaft („Reich Gottes“). Es lohnt sich, über diese Aussagen weiter nachzudenken und ihre Bedeutung zu ergründen (z. B. mit einem Bibellexikon oder einer Konkordanz(4).


„Da fehlt doch was Wichtiges ...!?“

Ihnen ist vielleicht aufgefallen, dass wichtige Punkte bisher noch gar nicht erwähnt wurden, z. B. das Zusammenleben der Christen, unsere Verantwortung in der Welt und die Aktivitäten der Gemeinde. Das hat einen guten Grund: Das Fundament des Christentums ist das, was Gott durch Jesus Christus für die Menschen getan hat und tut (Befreiung, Rettung durch den Messias Jesus). Die dringlichste Frage heißt demnach für jeden Menschen: Wie kommt meine Beziehung zu Gott in Ordnung? Wie wird die Trennung überwunden, die aufgrund meiner Schuld entstanden ist? Wie kann ich - mit den Begriffen der Bibel ausgedrückt - vor Gott „gerecht“ (d. h. schuldlos) werden?

Erst wenn dieses Grundproblem gelöst ist, kann sich diese „Erlösung“ im Handeln des Menschen auswirken.(5) Diese Auswirkungen in der praktischen Lebenswirklichkeit sind enorm wichtig - z. B. Gesellschaftsverantwortung, Ethik („Zehn Gebote“), Mission. In der erwähnten Stelle im Hebräerbrief wird als weiterer Kernpunkt die „Abkehr von den toten Werken“ genannt, d. h. die Abkehr von aller frommen Aktivität, die nicht aus dem Christus-Glauben motiviert ist. Da geht es also auch um Konsequenzen im praktischen Handeln - nicht nur um das geklärte Verhältnis zu Gott („Glaube“) und das richtige Glaubensbekenntnis. Diese Betonung der Lebenspraxis war auch für Jesus wichtig: „Wer meine Worte hört und danach handelt, ist wie ein kluger Mann ...“ (Mt 7,24 EÜ)(6)

Aber gerade deshalb muss zuerst ein solides Fundament dafür gelegt werden; deshalb muss zuerst diese Grund-Erneuerung des Menschen(7) geschehen, die in der Bibel als Versöhnung und Befreiung („Erlösung“), Sündenvergebung und Amnestie („Rechtfertigung“), Rettung und Neugeburt („Wiedergeburt“) beschrieben wird. Auch diese unumkehrbare Reihenfolge (zuerst das Handeln Gottes) ist eine wichtige Grundlage des Christenlebens.

Ein Bibelkenner hat dies treffend zusammengefasst in folgendem Spruch(8):
„Keiner wird gerecht dadurch,
dass er tut, was recht ist,
sondern wer gerecht geworden ist,
der tut, was recht ist.“

Das heißt für uns: Aus der erlösten Beziehung zu Gott entfaltet sich die Lebenspraxis - damit Jesus sich „wie ein roter Faden“ durch unser Leben zieht.




Rolf-Dieter Braun ist Theologe und arbeitet seit 1985 als Fachjournalist: Zunächst gehörte er dem Redaktionsteam des AUFTRAGS an; jetzt ist er Redakteur bei der Zeitschrift come. Er lebt in Hurlach (Oberbayern), wo er der JMEM-Gemeinschaft angehört, ist verheiratet und Vater von zwei Söhnen.



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Anmerkungen

(1) Z. B. Röm 1,3-4; 3,25; 4,25; 8,11; 10,9; 1 Kor 8,6; 15,3-5; 1 Thess 1,9-10; 1 Petr 1,18-21; 1 Joh 1,9; 2,23.
Das Glaubensbekenntnis, so wie wir es heute aus dem liturgischen Gebrauch der Volkskirchen kennen („Apostolicum“), stammt allerdings nicht aus dem Neuen Testament, sondern wurde erst später formuliert. In seiner jetzigen Gestalt ist es etwa seit 500 n. Chr. als Taufbekenntnis der südgallischen Kirche nachweisbar; vielleicht geht es auf ältere Credo-Formulierungen zurück, die bis ins zweite Jahrhundert zurückreichen.

(2) 1 Kor 3,11 (vgl. auch Eph 2,20 und Apg 4,11.12).

(3) Jesus verwendete in seinen Gebeten das aramäische Wort „abba“, mit dem nicht nur erwachsene Söhne und Töchter, sondern auch kleine Kinder - von den ersten Anfängen des Redens an - ihren Vater anredeten und das in diesem Fall unserer Anrede „Papa“ entspricht. Die Jünger und die Urgemeinde haben diese Gebetsanrede übernommen (vgl. Röm 8,15; Gal 4,6).

(4) Hinweise auf praktische Hilfsmittel sind zu finden in der Ausgabe Nr. 44 unserer Zeitschrift (Thema: Die Bibel).

(5) Diese Reihenfolge entspricht der urchristlichen Begründungsweise für Verhaltensregeln (vgl. Röm 15,7). Sie ist auch im Aufbau der meisten Paulusbriefe zu erkennen: Im ersten Teil wird festgestellt, was Gott für uns Menschen getan hat (Gottes Erlösung als Grundlage; „Indikativ-Teil“). Erst dann folgen die Anweisungen und Ratschläge für das Handeln der Menschen („Imperativ-Teil“).

(6) Die Themen, die auf den folgenden Seiten dieser Ausgabe beleuchtet werden, sollen dementsprechend biblische Grundlagen der christlichen Lebenspraxis behandeln.

(7) Da diese Thematik in der vorliegenden Ausgabe nicht ausführlich behandelt werden kann, in früheren Ausgaben jedoch schon thematisiert wurde, weise ich auf die Lesetipps hin.

(8) Martin Luther, Kleiner Galaterkommentar (zu Gal 2,16f.), zitiert nach Emanuel Hirsch, Hilfsbuch zum Studium der Dogmatik, Berlin 4. Auflage 1964, S. 79 (vgl. W. A. II 492ff.).



Ein paar "Grundlagen-Bausteine" zum Weiterdenken

Christen sollten in der Lage sein, über die zentralen „Programm-Begriffe“ des christlichen Glaubens Auskunft zu geben. So kann man sich Fragen: Zu welchem der folgenden Stichworte fällt mir nichts ein? Dort lohnt es sich sicher, weiterzudenken und mehr darüber herauszufinden:

- Gottes Liebe, Gott als „unser Vater“ (bedingungslose Annahme und Liebe)

- „Gnade“ (d. h. Gratisgeschenk ohne Gegenleistung), „Rechtfertigung“ (d. h. etwa Begnadigung, Unschuldig-Erklärung, Vergebung)

- Glaube, Vertrauen, Umkehr („Buße“)

- Sünde, Trennung von Gott, Schuld, Herrschaft des Bösen, Götzendienst

- Befreier („Erlöser“), Messias („Christus“), Schuldopfer, Opferlamm

- Sündenvergebung, Reinigung, Rettung, Befreiung („Erlösung“)

- Nachfolge, Gottesherrschaft („Reich Gottes“), „Jesus ist Herr“

Fragen Sie sich mal: „Könnte ich einem anderen diese Zentralbegriffe und die damit gemeinten Zusammenhänge erklären? Oder ein Beispiel dazu erzählen? Wo finde ich Bibeltexte darüber?“

Bei den Lesetipps sind auch Veröffentlichungen genannt, die zur Vertiefung dieser Themen besonders gut geeignet sind (z. B. das Buch von W. Schumann und die Grundlagen-Infos in der Ausgabe Nr. 54 des AUFTRAGS).



Lesetipps

- Wolfgang Schumann, Glauben wagen - Leben gestalten. Eine Hilfe für erste Schritte im Glauben, hg. v. der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste (http://www.gemeindedienst.de/shop/show/show_kat/Missionarische_Dienste.htm)

- Wolfram Kopfermann, Farbwechsel, C & P Verlag Mainz-Kastel

- DER AUFTRAG Nr. 23 (Thema: Jesus Christus)

- DER AUFTRAG Nr. 54 (Thema: Wiedergeburt und Bekehrung)


Empfehlungen zum weiteren Erarbeiten von biblischen Zentral-Begriffen:

- Helmut Burkhardt u. a. (Hg.), Das große Bibellexikon, R. Brockhaus Verlag/Brunnen Verlag, Wuppertal/Gießen 1987-1989

- Evang. Lexikon für Theologie und Gemeinde (ELThG), R. Brockhaus Verlag, Wuppertal und Zürich 1992-1994

- DER AUFTRAG Nr. 44 (Thema: Die Bibel; mit vielen Hinweisen auf Hilfsmittel zum Bibelstudium)





Quelle: DER AUFTRAG Nr. 80, S. 6ff.





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