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Miteinander für Europa – der 8. Mai 2004 in Stuttgart  
 

.

Bericht von Friedrich Aschoff:


Europa braucht eine starke Seele

Miteinander für Europa – Sternstunde der Ökumene in Stuttgart am 8. Mai 2004


„Wie schaffen wir es, die Flamme für Europa weiter zu entfachen?“, fragte mich die frühere Königin Fabiola von Belgien. Sie war eine unter mehr als zehntausend Teilnehmern am Treffen Miteinander für Europa in Stuttgart. Und nicht nur diese, sondern auch die Vertreter von Kirche und Politik wurden angesteckt von dem Geschehen rund um eine hier deutlich spürbare Einheit der Christen. Alle stellten sich hinter die Bischöfe aus vielen Ländern, die in ihren Sprachen das Testament Jesu aus Johannes 17 zitierten: „Ich bitte nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, damit sie alle eins seien. Wie du, Vater in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie eins sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.“ In der feierlichen Botschaft von Stuttgart wird dies aufgegriffen und konkretisiert: „Durch die gelebte Geschwisterlichkeit wird Europa selbst zu einer Botschaft des Friedens – eines aktiven Friedens, der im alltäglichen Leben beginnt und aufbaut auf der ständig neu erbetenen und gewährten Vergebung …“

Worum ging es in Stuttgart? Ausgesprochenes Ziel der Veranstalter und der unterstützenden Bewegungen ist es, Europa eine christliche Seele zu geben. Europa darf nicht nur ein Markt sein, sondern muss sich auch seiner jüdisch-christlichen Wurzeln bewusst erinnern: „Aus der Erfahrung der verändernden Kraft des Evangeliums Jesu Christi wissen wir uns berufen, für ein Europa zu arbeiten, dessen Einheit in seiner Verschiedenheit sichtbar wird.“ Als wichtige Vertreter christlicher Gruppen vor zwei Jahren in Rom mit Chiara Lubich (Fokolar-Bewegung) und Professor Andrea Riccardi (Gemeinschaft von Sant’ Egidio) den Entschluss zu diesem Treffen trafen, konnte noch niemand ahnen, mit welcher Dynamik uns der Geist Gottes führen würde. In diesen Jahren ist eine Weggemeinschaft der geistlichen Leiter gewachsen, die jetzt in Stuttgart an die Öffentlichkeit getreten ist. Über die Medien war die ganze Welt Zeuge der mutmachenden Ereignisse.

So viel steht fest: Der Europatag ruhte auf vielen Schultern und konnte nur durch einen gemeinschaftlichen Kraftakt diese Dimension erreichen. In den Plenumsveranstaltungen des vorausgehenden Mitarbeiterkongresses mit Vorträgen, in etlichen Foren und in zahlreichen Gottesdiensten teilten die Bewegungen viel von ihrem geistlichen Reichtum mit. Ich habe selten eine so tiefe innere Gemeinschaft erlebt wie eben hier in Stuttgart – und das über alle Grenzen verschiedener Bewegungen hinweg. Es bleibt für mich die Erkenntnis, dass wir an einem Wunder Gottes teilnehmen durften. Er hat hier wahrhaft Mauern niedergerissen. So fühlten sich beispielsweise Kardinal Walter Kasper aus Rom und der frühere Präsident des Lutherischen Weltbundes Bischof i. R. Christian Krause gleichermaßen tief berührt. Sie sprachen von einem „Meilenstein der Beziehungen der Christen untereinander“ und „einer Sternstunde der Ökumene“. Ich bin mir sicher: Das Stuttgarter Treffen wird viel Einfluss auf die Zukunft nehmen. Die Teilnahme von meinungsbildenden Christen wie dem EU-Kommissionspräsidenten Romano Prodi, dem Generalsekretär des Europarates Walter Schwimmer, Baden-Württembergs Ministerpräsident Erwin Teufel, vielen Politikern und 55 Bischöfen aus katholischen, evangelischen, anglikanischen und orthodoxen Kirchen unterstreicht die gesellschaftliche Relevanz.



D o k u m e n t a t i o n :

Die Stuttgarter Botschaft

Europa befindet sich in einem entscheidenden Augenblick, der für seinen Fortbestand und seine weitere Entwicklung von grundlegender Bedeutung ist. Es darf sich nicht beschränken auf einen gemeinsamen Markt oder einen von reinen Sicherheitsinteressen geprägten Zusammenschluss seiner Bürger. Die Liebe Gottes zu allen Völkern hat sich gerade in der heutigen Zeit immer wieder deutlich gezeigt und drängt Europa zu weit Größerem. Vielfalt und Schönheit haben die Geschichte dieses Kontinents geprägt. Glanzvollen Zeiten und großartigen Errungenschaften steht aber auch die bittere Wahrheit gegenüber, dass Menschen ohne Bezug zu echten und tiefen Werten entwurzelt werden und zu den größten Verbrechen fähig sind. Im letzten Jahrhundert bezeugen die Erfahrungen der beiden Weltkriege, der Konzentrationslager, des Gulag sowie – in besonderer Weise – der Shoah eine Dunkelheit, die sich auf unseren Kontinent gelegt und auch die übrige Welt erfasst hat. Heute zählen Ausgrenzung, Ungerechtigkeiten aller Art, die vielfältigen Formen von Ausbeutung und die Geißel des internationalen Terrorismus zu jenen Übeln, die nach einer Lösung verlangen. Und dennoch beobachten wir mit Dankbarkeit, wie sich ein versöhntes, ein freies und demokratisches Europa entwickelt. Aus der Erfahrung der verändernden Kraft des Evangeliums Jesu Christi wissen wir uns berufen, für ein Europa zu arbeiten, dessen Einheit in seiner Verschiedenheit sichtbar wird.

Als Vertreter von mehr als 150 christlichen Bewegungen und Gemeinschaften sind wir aus ganz Europa hier in Stuttgart zusammengekommen, um diese neue, ständig wachsende Gemeinschaft unter uns zu bezeugen, die nur der Geist Gottes wirken kann.

Die Erfahrung gemeinschaftlichen Lebens unter uns hat ihre Wurzeln auch in den kulturellen Traditionen, die im Licht der jüdischchristlichen Offenbarung unseren Kontinent im Lauf der Jahrhunderte geprägt haben.

Wir möchten diese Erfahrung anbieten als Beitrag zu einem Europa, das den Herausforderungen der Gegenwart gewachsen ist.

Die Charismen, Gaben, die Gott schenkt, haben uns auf den Weg der Geschwisterlichkeit geführt. In ihr sehen wir die eigentliche Berufung Europas: Geschwisterlichkeit bedeutet ein Leben aus jener Liebe, die im Evangelium verkündet wird. Diese Liebe schließt niemanden aus, lebt aus der beständigen Bereitschaft zum Neuanfang und konkretisiert sich im Hier und Jetzt. Geschwisterlichkeit bedeutet für uns:
• Gerechte Verteilung der Güter und Ressourcen
• Gleichheit in Verschiedenheit und Freiheit für alle
• Bewahrung des gemeinsamen kulturellen Erbes
• Offenheit für alle Menschen anderer Kulturen und religiöser Traditionen
• Solidarität mit den Schwachen und Bedürftigen in unseren Städten
• Wertschätzung der Familie
• Achtung menschlichen Lebens in allen Phasen seiner Entwicklung
• Schutz von Umwelt und Natur
• Verantwortungsbewusster Einsatz der Kommunikationsmittel im Dienst an den Menschen

Durch diese gelebte Geschwisterlichkeit wird Europa selbst zu einer Botschaft des Friedens: eines aktiven Friedens, der im alltäglichen Leben beginnt und aufbaut auf der ständig neu erbetenen und gewährten Vergebung. Ein Friede, der die Völker verbindet durch die „Globalisierung“ von Solidarität und Gerechtigkeit.

Diese Botschaft versteht sich nicht als bloße Absichtserklärung. Vielmehr bezeugt sie, was in unseren Bewegungen – und sei es nur in Ansätzen – bereits verwirklicht ist.

Wir, die wir hier in Stuttgart und an mehr als 150 Orten europaweit miteinander verbunden sind, wollen gemeinsam mit allen Menschen guten Willens arbeiten für ein Europa der Liebe und der Geschwisterlichkeit, für ein Europa, das seine Verantwortung wahrnimmt und sich als Teil der Weltgemeinschaft begreift.





S t i m m e n
z u m
E r e i g n i s:



Der Himmel über uns wurde ein
wenig aufgerissen ...

... und wir durften etwas von der Vision des Johannes (Offb 21,1-5a) ahnen – vom neuen Himmel und der neuen Erde, wo es das Meer (der Spaltung) nicht mehr gibt. „Seht die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen und sie werden sein Volk sein ... Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen, ... denn was früher war, ist vergangen. Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu!“

Für uns, die wir uns seit 20 Jahren und länger bewusst in diesen Riss der Spaltung gestellt haben, beginnt sich zu erfüllen, was wir erhofft und erbetet haben. Große Freude
und Dankbarkeit erfüllen mich, aber auch das Wissen, dass wir auf diesem Weg weitergehen müssen – in großer Treue und noch größerem Vertrauen auf ihn, der alles neu macht.
Das Neue, das durch den charismatichen Aufbruch in der ganzen Christenheit begonnen hat, ist durch diese Tage so sichtbar geworden, dass es nicht mehr übersehen
werden kann.

Nur miteinander, nur in Einheit werden wir den Sendungsauftrag Jesu in unserer Welt und unserer Zeit erfüllen können. Als Christen – im Bewusstsein unserer Verantwortung für Einheit und Frieden in Europa und in
der Welt, können wir uns deshalb weder ein konfessionelles noch ein nationales Denken und Handeln mehr leisten.

Mechthild Humpert



"Der Fokus von Stuttgart 2004 war ein gemeinsames 'Gott und seinem wunderbaren Volk Begegnen' – und das in einer Qualität, wie sie meines Erachtens noch nie da war. Für mich war dies ein bisher einmaliges Erlebnis und ich hoffe, dass wir guten Willens sind, die nächsten Schritte gemeinsam zu erkennen und zu gehen. Europa braucht das vereinte Volk Gottes in seiner ganzen Vielfalt und Unterschiedlichkeit, damit wir das Europa sein können, das Gott sich vorstellt."

Walter Heidenreich

 

"Europa, das sind wir alle – nicht nur die Politiker."

Schülerin aus Slowenien

 

"Wir brauchen ein Europa der Herzen, und Herzen werden nicht von Geld gefüllt, sondern von Werten, und letztlich von Gott."

Kardinal Walter Kasper

Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen

 

"Die Bewegungen erleben sich als ein Netzwerk mit der Erfahrung, dass Unterschiede nicht trennen, sondern bereichern können. Wir sind überzeugt, dass eine Vertiefung des geistlichen Lebens auch den Zusammenhalt unter den Nationen verstärkt."

Chiara Lubich

Gründerin der Fokolar-Bewegung



 

Q u e l l e n
u n d
a n d e r e
H i n w e i s e



Friedrich Aschoff ist Pfarrer im Vorruhestand und engagiert sich als 1. Vorsitzender der Geistlichen Gemeinde-Erneuerung in der Ev. Kirche (GGE).


Quelle: Diese Texte erschienen zuerst in der Zeitschrift come (Ausgabe Nr. 7; S. 12-15), über die man sich folgendermaßen informieren kann:
- www.come-magazin.de
- www.come-magazin.de/Inhalte/c02.php
- www.come-magazin.de/Service/nachbestellung.php



Kontakt zum Autor

Sie können unter Friedrich.Aschoff@gmx.de Kontakt zum Autor des Berichts aufnehmen.

 

Internet-Service

Interessante Internet-Adressen zum Artikel-Thema:
www.fokolare.de
www.santegidio.org
www.miteinander-wie-sonst.de
www.ottmaring.org
www.erneuerung.de
www.gge-online.de



Lesetipps

- Interview mit Helmut Nicklas, „miteinander – wie sonst?“ - Gedanken über einen Begegnungstag, die Versöhnung und das „soziale Klima in der Stadt“, in: DER AUFTRAG Nr. 83, S. 42 ff.

- Interview mit Gottlob Heß, „Es ist Freundschaft entstanden ...“ - Nebeneinander der Konfessionen oder versöhntes Miteinander in Vielfalt?, in: DER AUFTRAG Nr. 83, S. 22 ff.

- DER AUFTRAG Nr. 75 (Thema: Auf der Suche nach der verlorenen Einheit)

Über die Zeitschrift DER AUFTRAG kann man sich folgendermaßen informieren: www.der-auftrag.de
- Die JMEM-Themen-Zeitschrift DER AUFTRAG war eine der Vorläufer-Publikationen der come. Sie wurde über 20 Jahre lang von JMEM herausgegeben.
- Das AUFTRAG-Artikel-Archiv, eine Übersicht über alle Heft-Inhalte etc. sind im Internet ebenhalls unter www.der-auftrag.de zu finden.
- Nachbestell-Möglichkeit: www.come-magazin.de/Service/nachbestellung_auftrag.php

 

 

 





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