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Jeff Fountain: Harry Potter und die Zukunft des Westens
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Epochale Entwicklungen in der europäische Kultur
Man kann darüber streiten, ob dieser brillentragende Außenseiter namens Harry Potter tatsächlich das bisher erstaunlichste Phänomen des neuen Jahrtausends ist. Aber immerhin hat diese literarische Figur die Buchhandlungen auf der ganzen Welt im Sturm erobert.1 Time bezeichnet dies als “eine der bizarrsten Erfolgsstorys” in den Annalen des Buchhandels: Auf den Bestsellerlisten der Erwachsenen haben sich ein paar Kinderbücher breit gemacht, die alle von der zuvor völlig unbekannten Joanne K. Rowling stammen. Ihre Bücher sind nicht nur in den englischsprachigen Ländern erfolgreich: Die Abenteuer des kleinen Harry erschienen inzwischen schon in über 35 Sprachen; weltweit wurden bereits über 40 Millionen Potter-Bücher verkauft!2
Was hat uns Harry Potter zu sagen? Ich habe den Verdacht: Das Harry-Potter-Phänomen könnte ein ernst zu nehmender Hinweis darauf sein, in welcher Richtung sich die europäische Kultur in der Zukunft entwickeln wird.3
Inzwischen kennen wohl die meisten Europäer die Biografie des kleinen Harry. (Sie noch nicht?4) Seine große Stunde kommt, als die Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei besucht: Hier soll er darauf vorbereitet werden, seine eigentliche spirituelle Identität zu entdecken. An seinem elften Geburtstag wird er in eine parallel existierende magische Welt entrückt, die viel aufregender und faszinierender ist als das öde Flachland der “Muggels”.
Zusammen mit Harry werden auch seine jungen Leser mit hineingenommen in diese faszinierende Welt, in der es Zauberformeln und Wahrsagerei, Poltergeister und Gespenster ohne Kopf gibt, in der sogar Verwandlungen in Tiergestalt und Flugreisen auf dem Besenstil möglich sind.
Harry Potter ist eine Gestalt, die dem Denken unseres nach-christlichen Zeitalters entspricht und sich in einer Welt bewegt, die okkult interpretiert wird. Die phänomenale Popularität, die er bei Jung und Alt genießt, zeigt uns, in welche Richtung sich die so genannte westliche Kultur bewegt.
Eine merkwürdige Begegnung in Budapest
Diese neue Richtung ist mir auch aufgefallen bei meiner Begegnung mit Danica. Die Überzeugungen dieser Frau, die einem Harry-Potter-Buch hätte entstammen können, haben meine Denkvoraussetzungen massiv in Frage gestellt. Diese Begegnung hat mich gezwungen, gründlicher über spirituelle Zusammenhänge nachzudenken. Und sie hat mich wachgerüttelt und mir gezeigt, wie sich die Gedankenwelt der westlichen Kultur in Zukunft wahrscheinlich entwickeln wird.
In einer Gruppe von Passagieren, die auf dem Budapester Flughafen den Anschlussflug nach Sarajewo verpasst hatten, waren Danica und ich die einzigen, die englisch sprachen. Das nächste mögliche Flugzeug sollte erst zwei Tage später fliegen. Also wurden wir in ein Hotel gebracht. Unterwegs unterhielten wir uns darüber, warum wir jeweils auf dem Weg nach Bosnien waren. Danica erzählte mir, dass sie sich in einem Versöhnungsprojekt engagierte; sie leitete Therapiegruppen für bosnische Frauen, die vergewaltigt worden waren oder ihren Mann während des Bosnienkrieges verloren hatten. Im Laufe des Gesprächs erwähnte Danica auch ihre religiösen Überzeugungen, die aus den vorchristlichen Zeitaltern der europäischen Geschichte stammen. Auf der Rückseite ihrer Visitenkarte standen einige Namen von Orten aufgelistet, wo sie sich als Reiseleiterin engagiert hatte - alte keltische Siedlungen in Irland und das Labyrinth von Knossos auf der Insel Kreta gehörten auch dazu. Sie selbst beschrieb sich als eine Psychotherapeutin, die das Gedankengut von Carl Jung mit vorchristlichen und feministischen Ideen zu verbinden suchte. “Als noch die Mutter-Gottheiten angebetet wurden, als das alte Europa noch eine matriarchalische Gesellschaft war, erlebte es ein goldenes Zeitalter des Friedens”, erklärte sie mir begeistert. Aber dann habe das Bronzezeitalter mit seinen Himmelsgöttern, zu denen sie auch den biblischen Jahwe rechnete, diesem harmonischen Zeitalter ein Ende gesetzt. In der folgenden patriarchalische Epoche der Gewalt habe dann die Unterdrückung des anderen Geschlechts begonnen.
Nach ihrer Überzeugung hatten die alten europäischen Zivilisationen ein tiefes Verständnis für die Zusammenhänge der spirituellen Welt, das später von patriarchalischen Epochen unterdrückt wurde. Sie hatten sogar die genauen Stellen gekannt, an denen heilige Kräfte konzentriert wirkten, an denen sich Durchgänge zu neuen Dimensionen und die Tore in parallel existierende, verborgene Welten befanden.
Danica war eine Frau mit solider Bildung, die selbstsicher auftrat und sich gut ausdrücken konnte; sie passte völlig in unsere Zeit - und doch war sie absolut überzeugt von diesen steilen Theorien, die sie vor mir ausbreitete. Ich war noch nie in meinem Leben jemandem begegnet, der sich mit voller Überzeugung zum Heidentum früherer Epochen bekannte! Und was für ein Gegensatz: Danica war eine so extreme esoterische Ausnahmeerscheinung; sie glaubte tatsächlich an die Gottheiten des Polytheismus - und präsentierte sich doch als eine gebildete und scharfsinnige Angehörige unserer Zivilisation.
Die Europa-Perspektive eines scharfsinnigen Beobachters
“Danica, wer war Jesus von Nazareth?” Ich stellte ihr diese Frage, um das Gespräch mehr in die Richtung meiner Gedankenwelt zu lenken. Sie lächelte nachsichtig: “Da kommt schon wieder dieses typisch patriarchalisches Entweder-Oder-Denken zum Vorschein!” Immer wieder hatte ich mit den Vorbehalten zu tun, die solche Leute gegenüber meiner christlichen Grundüberzeugung hatten, dass historische Ereignisse ewige Wahrheiten offenbaren können.
Als ich wieder in meinem Hotelzimmer war, skizzierte ich in Gedanken den Verlauf unseres Gesprächs mit den verschiedenen Themen, die wir diskutiert hatten. Dabei merkte ich: Obwohl unsere Weltanschauungen diametral entgegengesetzt waren, klang irgendetwas in Danicas Gedankenwelt nach Wahrheit: Anders als viele typische Europäer leugnete Danica nicht die Existenz eines spirituellen Bereichs; von der allgemeinen Jagd nach den Zielen und Träumen des materialistischen Westens war sie überhaupt nicht beeindruckt. Wir hatten also immerhin ein gemeinsames Verständnis für die Realität spiritueller Zusammenhänge.
Außerdem war es ihr wichtig, die Umwelt zu schützen, die vollen Möglichkeiten der menschlichen Persönlichkeit zu entfalten. Es ging ihr um Frieden und Gerechtigkeit. Sie betonte, dass das Sein und das Handeln des Menschen übereinstimmen müssen. Sie befasste sich mit der Frage, wie das Verhältnis zwischen den Geschlechtern sein sollte - das alles sind Fragen, die bibelorientierte Christen genauso bewegen. Und doch war ihre Vision eines neuen Europa ganz anders: Sie wollte ein wiedererwecktes altes, animistisches Europa des vorchristlichen Heidentums - allerdings in einer neuen, hoch kultivierten Form!
Mir kam eine Vorhersage in den Sinn, die Lesslie Newbigin (1909-1998) ausgesprochen hatte. Newbigin, der früher Missionsbischof in Indien gewesen war, hatte die Christen im Westen dazu aufgefordert, zu beobachten, in welche Richtung sich die europäischen Gesellschaften entwickelten. Oft hat er die Frage gestellt: “Was hat Europa zu Europa gemacht?” Die ethnischen, religiösen und sprachlichen Wurzeln der europäischen Kulturen lassen sich nämlich alle nach Asien zurückverfolgen. Und doch hatte Europa, das eigentlich nur die westlichste Halbinsel der eurasischen Landmasse ist, eine eigene Identität entwickelt, die sich von Asien deutlich unterscheidet.
Wie kam es zu dieser eigenen kulturellen Identität? Die einfache Antwort darauf, so behauptete Newbigin, war die Tatsache, dass vor etwa 2000 Jahren Botschafter mit einem besonderen Buch nach Europa kamen. Dieses Buch erzählte eine Geschichte, die Hoffnung brachte - und damit die europäische Kultur veränderte.5
Aber Newbigin sprach auch eine Warnung aus: Wenn die Europäer das Buch ablehnen, die Geschichte darin vergessen und die Hoffnung verlieren würden, dann würde ihnen nichts anderes mehr bleiben als ihre asiatischen Wurzeln.
Im Labyrinth: Nur Vergangenheit - oder auch Zukunft?
War das die Bedeutung, die hinter dieser Begegnung mit Danica steckte? Danica war nämlich kein Überbleibsel aus der vorchristlichen Vergangenheit Europas. Ganz im Gegenteil: Sie repräsentierte in Wirklichkeit die Zukunft, in die Europa wahrscheinlich hineingeraten würde - und damit die sogenannte “westliche” Kultur ganz allgemein! Diese Begegnung erlaubte mir also einen Einblick in die Gesellschaft von morgen!
Mein Blick fiel eine Touristenzeitschrift, die in meinem Hotelzimmer herumlag: “Besuchen Sie das Labyrinth im Burgberg von Buda!” Ein Labyrinth?! Danica hatte gerade vom Labyrinth in Kreta erzählt. Wahrscheinlich hatte ich mich in meinem ganzen Leben noch nie mit jemandem über ein Labyrinth unterhalten - und nun lag hier in meinem Hotelzimmer Informationen über ein Labyrinth, das gerade mal ein paar hundert Meter entfernt war!
Ich wusste über ein Labyrinth kaum mehr, als dass es eine verwirrende Anlage von Gängen ist. Doch der Artikel beschrieb ein Labyrinth auch als eine philosophische und poetische Aussage über die Bedeutung des Lebens, als eine Form, durch die man in Epochen, die noch keine Schrift kannten, Überzeugungen zum Ausdruck bringen konnte.
Auch Danica, die zum ersten Mal Budapest besuchte, war nicht weniger erstaunt, als ich ihr am nächsten Morgen von diesem Labyrinth erzählte. Da wir uns die Zeit vertreiben mussten, trafen wir uns nachmittags auf dem Burgberg bei der Matthiaskirche und stiegen die Steintreppe hinab, um das Labyrinth zu erkunden.
Wir gelangten zunächst in einen Eingangsbereich, von dem Gänge in verschiedene Richtungen führten.6 Im ersten Teil des Labyrinths, das die alte heidnische Welt der frühen europäischen Geschichte portraitierte, in der man Götter und Göttinnen verehrte und zu besänftigen suchte, fand sich Danica sofort zurecht und fühlte sich zu Hause. Schamanen und Opfersteine waren Teil dieses vorchristlichen animistischen Weltbildes, das davon ausging, dass die physische Welt oder Natur von der spirituellen oder übernatürlichen Welt belebt und bewegt wird - gerade so wie eine Hand einen Handschuh bewegt. In diesem Sinne war Animismus das ursprüngliche religiöse System in Europa. Genauso wie die Germanen und Kelten, die Griechen und Römer, die alten skandinavischen und slawischen Völker hatten auch die frühen Ungarn solche Vorstellungen gehabt.
Wir stießen u. a. auf zwei vertikale Röhren, die “Achse der Welt” genannt wurden. Sie bezeichneten ein sakrales Zentrum, den “Durchgang in eine andere Dimension” - genauso, wie Danica es am Abend zuvor erwähnt hatte. Wir trafen dort auch eine ganze Menge Leute, die in derselben Gedankenwelt wie Danica lebten - und allmählich begriff ich, dass sie vielleicht doch nicht eine solche seltene Ausnahmeerscheinung war, wie ich gedacht hatte!
Die Gänge des Labyrinths führten uns dann weiter in die christliche Epoche der ungarischen Geschichte, als die Gesellschaft von theistischen Überzeugungen geprägt und geordnet wurden - also von dem Glauben an einen persönlichen, unendlichen und souveränen Gott, der der Schöpfer ist.
Schließlich gelangten wir in eine Abteilung, die satirisch den modernen “Homo Consumptor”, den konsumorientierten Zeitgenossen portraitierte - ein Produkt des Materialismus, der auf die Aufklärungsepoche zurückgeht.
Orientierung im Labyrinth
An einer Abzweigung im Labyrinth stießen wir auf eine Gruppe von kichernden Schulmädchen, die sich verirrt hatten: Sie konnten ihre Karte nicht lesen und fragten uns deshalb nach dem Weg zum Ausgang. - “Welch ein passendes Bild für den heutigen Europäer!”, musste ich denken. Verloren im Irrgarten der geschichtlichen Strömungen - und ohne Orientierung. Wie hatte doch Newbigin gesagt? Kein Buch, keine Geschichte - keine Hoffnung!
Nachdem wir aus dem Labyrinth wieder ins Sonnenlicht zurückgekehrt waren, gingen wir über den Platz hinüber zur Matthiaskirche, die ebenfalls dort auf dem Burgberg steht. Obwohl es Danicas erster Besuch dort war, erklärte sie mir kenntnisreich eine ganze Reihe vorchristlicher Symbole, die in die Architektur dieses christlichen Gotteshauses integriert waren. Die Beobachtung von Carl Jung drängte sich in meine Gedanken, der Europa mit einer Kathedrale, die auf heidnischen Fundamenten erbaut ist, verglichen hatte.7 Nie zuvor waren mir die vorchristlichen Unterströmungen, die durch all die Jahrhunderte hindurch die europäische Kultur durchzogen hatten, so deutlich bewusst gewesen.
Inzwischen war ich hellwach, weil ich einen alarmierenden Blick in die Zukunft Europas - und der gesamten westlichen Kultur - hatte werfen können. Das Labyrinth hatte uns in drei Schritten durch die geistesgeschichtliche Entwicklung in Europa geführt: vom Animismus zum Theismus und dann weiter zum Materialismus.
Aber, so überlegte ich, die Gesellschaften des Westens waren dabei, an dieser entscheidenden Wegkreuzung den Materialismus als Weltanschauung aufzugeben. Nun waren sie zum ersten Mal in der Geschichte an dem Punkt, wo sie alle drei möglichen Denkweisen eine nach der anderen ausprobiert hatten - und dann jede von ihnen aufgegeben hatten. Wohin würden sie sich nun wenden?
Die ernüchternde Schlussfolgerung lag auf der Hand: Die Zukunft Europas wird der Animismus in einer neuen, zeitgemäßen Gestalt des 21. Jahrhunderts sein, wenn es keine Hinwendung zu einem Theismus, der sich konsequent an der Bibel orientiert, gibt.
Meine Begegnung mit Danica hatte mir die Augen für die geistlichen Realitäten des nachchristlichen Europa geöffnet. Newbigin hatte Recht. Dieses Europa der Zukunft könnte immer mehr dem vorchristlichen alten Europa ähneln, in diesem Europa würde sich Harry Potter zu Hause fühlen.
Beunruhigend? Wirklich beunruhigend wird dieser Gedanke vor allem dann, wenn man sich daran erinnert, was beim letzten Mal passierte, als das Heidentum sich wesentlichen Einfluß auf die europäische Kultur verschaffen konnte: Hitler hatte das alte germanische Gedankengut in vieler Hinsicht ernst genommen. Seine Gefolgsleute Göbbels und Himmler hatten ihre eigenen Schulen gegründet, in denen man - ähnlich wie in der Hogwarts-Schule - die praktische Anwendung dieser vorchristlichen Denkweise lernen konnte.
Aber Gott ist nicht überrascht oder beunruhigt; für ihn ist diese ganze Entwicklung nichts Neues. Sein Handeln, von dem uns die Bibel berichtet, geschah vor dem Hintergrund eines solchen animistischen Weltbildes: Moses und Elia erlebten ihn in ihrer Konfrontation mit heidnischen Götterkulten. Paulus verkündete die befreiende Botschaft des Evangeliums hinein in die Gedankenwelt der Athener, die voll von heidnischem Götterglauben war.
Ähnlich war es bei den irischen Missionaren, die einen großen Teil des mittelalterlichen Europas mit dem Evangelium erreichten und selbst aus einer keltischen Kultur stammten: Da wurde die Gute Nachricht von einem Volk mit animistischem Hintergrund zu einem anderen in einer ähnlichen Situation übermittelt.
So etwas war also schon einmal möglich gewesen. Was war damals ihr Geheimnis? Und kann das heute wieder geschehen?
Vielleicht sollte ich eines von Harrys Büchern zur Hand nehmen und mich allmählich mit der schwierigen Aufgabe vertraut machen, wie man Gottes Wahrheit in diese neuheidnische Gedankenwelt hineinbringen kann...
Jeff Fountain (51) stammt aus Neuseeland und leitet seit 1990 die Arbeit von JMEM in Europa (einschließlich GUS-Staaten). Er ist mit einer Holländerin verheiratet und Vater von drei Söhnen. Zusammen mit anderen evangelikalen Leitern hat er die Initiative Hope for Europe ins Leben gerufen; 1992 gab er den Anstoß zur Gründung von The New Europe Forum, einer Konsultationsrunde für evangelikale Leiter, die jährlich in Brüssel stattfindet. - Der Artikel wurde übersetzt von Rolf-Dieter Braun.
Harry-Potter-Bücher - gute Lektüre für unsere Kinder?
Bekanntlich hatten auch schon christliche Schriftsteller wie C. S. Lewis und J. R. R. Tolkien (Kreis der "Inklings") solche Motive verwendet und von Hexen und Zaubermeistern erzählt. Wichtig ist dabei: Sie entwickelten ihre Imaginationswelten innerhalb ihrer eigenen christlichen Frömmigkeit, die auf dem Glauben an einen souveränen Gott beruhte. Rowling teilt diese christliche Grundorientierung nicht.8
Inzwischen haben sich bekannte christliche Persönlichkeiten über die Harry-Potter-Welle geäußert; da wurde beispielsweise gesagt, dass Harry eindeutig auf der Seite des Lichts sei und gegen “dunkle Mächte” kämpft; somit würden in den Harry-Potter-Geschichten gute Werte vermittelt.9 Obwohl diese Beurteilungen von Christen stammen, deren Aussagen ich sonst ganz gut finde, kommen sie mir ziemlich naiv vor. Sie unterschätzen nämlich die epochalen Veränderungen (“neue Plausibilitätsstrukturen”), die sich zur Zeit im Denken vollziehen.10
Harry erlebt den Bereich des Magischen als etwas völlig Normales. Im Gegensatz zu Lewis, Tolkien und MacDonald vermittelt Rowling den jungen Leuten ihrer weltweiten Leserschaft die Botschaft: Magie, Zaubertechniken und die Kräfte der Hexerei sind etwas ganz Normales und Gutes. Jeder, der das nicht akzeptiert, gehört offenkundig noch immer zu der langweiligen Welt der “Muggels” mit ihren beschränkten Vorurteilen.
Jeff Fountain
Anmerkungen
1 Ich habe kürzlich selbst miterlebt, wie die Buchläden überall in Neuseeland Harry-Potter-Parties veranstaltet haben und dafür mit dem Slogan warben: “Bringt euren eigenen Besen mit!” Die Veröffentlichung des vierten Bandes hat in Neuseeland einen Preiskrieg ausgelöst, der tagelang die Schlagzeilen beherrschte.
2 In Deutschland wurden laut Auskunft des CARLSEN Verlags bisher über 3,5 Mio Exemplare der ersten drei Bände verkauft (Stand vom 28.9.2000); für Band 4 startete der Verlag im Oktober mit einer Erstauflage von 1 Mio Exemplaren.
3 Auf erste Untersuchungen zur Wirkungsgeschichte verweist Klaus Rudolf Berger in seinem Artikel Zauberlehrling Harry Potter, in: Factum Nr. 6/2000, S. 17, Anm. 33
4 Für diesen Fall hier eine kurze Zusammenfassung: Harry ist ein Waisenkind; seine Eltern, beide Zauberer, waren von einer bösen Macht umgebracht worden. Bei Tante und Onkel wächst er in der Welt der “Muggels” auf - so werden all diejenigen genannt, die sich noch nicht der Welt der Magie geöffnet haben und demzufolge eine “repressive, mittelalterliche Haltung” gegenüber allem Magischen einnehmen. Doch über das machtlose Waisenkind war eine Prophetie ausgesprochen worden: Über ihn sollten einmal Bücher geschrieben werden, so dass sein Name jedem Kind auf der ganzen Welt vertraut sein würde. (Wie es aussieht, geht diese Vorhersage zur Zeit gerade in Erfüllung...)
5 Quellen: Lesslie Newbigin, Den Griechen eine Torheit, Aussaat-Verlag/Schriftenmissionsverlag, Neukirchen-Vluyn 1989; Lesslie Newbigin, Salz der Erde. Fragen an die Kirche heute, Aussaat-Verlag/Schriftenmissionsverlag, Neukirchen-Vluyn 1990
6 Ich hatte in dem Touristenmagazin gelesen, dass am Ende des 2. Weltkriegs die letzten in Budapest verbliebenen SS-Truppen ihre letzte Verteidigungsstellung gegen die Rote Armee gerade hier in diesen unterirdischen Gängen eingerichtet hatten. Erst vor kurzem war diese unheimliche unterirdische Anlage renoviert und zu einem faszinierenden Museum ausgebaut worden, das es dem Besucher ermöglicht, die Geschichte des ungarischen Volkes zurückzuverfolgen.
7 Carl Jung schrieb: “Europe is a cathedral built on pagan foundations.” (“Europa ist eine Kathedrale, die auf heidnischen Fundamenten erbaut ist.”)
8 Obwohl sie bestreitet, dass sie selbst an die magischen Zusammenhänge glaubt, die in ihrem Buch beschrieben werden, so sagt sie ihren Lesern doch: “It's important to remember that we all have magic inside of us.” (“Es ist wichtig, dass wir uns daran erinnern, dass wir alle Magisches in uns haben.”) Quelle des englischen Zitats: aus einem Interview für Scholastic Press (zitiert nach Alison Lentini, Harry Potter: occult cosmology and the corrupted cosmology, in: Spiritual Counterfeits Project Journal, Juni 2000)
9 Diese Meinung wurde in der Zeitschrift Christianity Today vertreten (Editorial vom 10.1.2000). Ähnlich hat Chuck Colson in einer Radiosendung gemeint, dass Harry und seine Freunde zwar Flüche aussprechen, aus Kristallkugeln lesen, sich in Tiere verwandeln usw., aber eigentlich keinen Kontakt zu einer übernatürlichen Welt aufnehmen würden.
10 Als Tolkien und Lewis im 20. Jahrhundert märchenhafte Motive und Themen aufgriffen, glaubten nur wenige tatsächlich daran, dass es bei den Kräften von Hexen und Zauberern um reale Mächte geht. Somit verstanden die Leser diese Geschichten so, wie sei gemeint waren: als Allegorien, die tiefere geistliche Zusammenhänge abbilden sollten. Doch inzwischen hat sich gewandelt, was man für plausibel oder glaubwürdig, denkbar oder vorstellbar hält: Die Leser akzeptieren in unserer Zeit mit viel größerer Offenheit die wortwörtlich gemeinte Realität der spirituellen Zusammenhänge, die es hinter den Kristallkugeln und Zauberformeln gibt. Vielleicht glauben nicht alle, dass es Dämonen gibt, aber dass irgendeine Art spiritueller Energie in unserem Leben wirksam ist, können sich die meisten schon vorstellen.
Lesetipps
- Lesslie Newbigin, Den Griechen eine Torheit, Aussaat-Verlag/Schriftenmissionsverlag, Neukirchen-Vluyn 1989- Lesslie Newbigin, Salz der Erde. Fragen an die Kirche heute, Aussaat-Verlag/Schriftenmissionsverlag, Neukirchen-Vluyn 1990) - Markus Müller, Christen in der Gesellschaft. Wie sie denken, glauben und verantwortlich handeln, Präsenz-Verlag Gnadenthal 1991 (texte* Nr. 5: Münchner Texte / Impulse aus Gnadenthal) - Romano Guardini, Das Ende der Neuzeit. / Die Macht. Ein Versuch zur Orientierung / Versuch einer Wegweisung / M.-Grünewald-Verlag, Mainz (1950) 1995 - Gisbert Kranz, Fantasy - für Christen? in: Basileia. Festschrift für Eduard Buess, Basel 1993, S. 181-196
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