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Frauenbefreiung - wo geschieht sie tatsächlich?
Gedanken über befreiende und frauenfeindliche Tendenzen
von Rolf-Dieter Braun
Es stimmt: Auch im Christentum wurden und werden Frauen diskriminiert und unterdrückt; dafür kann man viele Beispiele anführen. Aber es stimmt einfach nicht, daß dies im Wesen des Christentums liegt.1 Diejenigen Christen, die konsequent waren, sich an Jesus Christus selbst orientierten und traditionelle Meinungen an der Bibel maßen, haben die Lage der Frauen entscheidend verbessert. Das spielte sich nicht nur im familiären "Privatleben" ab2, das sich millionenfach auf die "gesellschaftliche Gesamtatmosphäre" auswirkt und deshalb nicht unterschätzt werden sollte, sondern es geschah auch durch konkrete gesellschaftliche Veränderungen und Reformen.
Dynamik für Sozialreformen: die biblische Ethik
William Carey3 wird heute von indischen Sozialforschern als "die Zentralfigur in der Geschichte der Modernisierung Indiens" bezeichnet4. Weil dieser Missionar aus der Bibel den Wert des menschlichen Lebens in Gottes Augen kannte, kämpfte er u. a. gegen die Sitte der Witwenverbrennung5, die infolgedessen 1829 verboten wurde. Ebenso bekämpfte er die Kindertötung6 und die Verheiratung von Kindern7.
Die Kettenreaktionen und die enormen Folgen dieser sozialen Impulse können hier nicht dargestellt, sondern nur angedeutet werden. Carey hatte begriffen, daß es komplexe Gründe für die Kinderverheiratungen gab (nämlich eine weit verbreitete Polygamie und bestimmte Vorstellungen über Sexualität). Deshalb kämpfte er nicht gegen diese Bräuche selbst, sondern gegen deren weiterreichende Ursachen. Bildungsmöglichkeiten für Frauen und die Betonung biblischer Ethik waren seine Antwort. Und so gründete er zusammen mit seinen Mitarbeitern u. a. Schulen für Mädchen. Der kostenlose Unterricht für die unteren Kasten wurde schließlich von fast 8000 Kindern besucht.
Ausgerechnet die Bibel ...
Damit legte Carey die Grundlage für das moderne Bildungswesen in Indien, das seinerseits den Aufbau einer breitenwirksamen medizinischen Versorgung durch indische Krankenschwestern ermöglichte und andere, für Indien sehr wichtige Entwicklungen auslöste. Wie das Buch von Ruth und Vishal Mangalwadi über Carey (s. Literaturhinweise) zeigt, geben die Leistungen dieses Missionars auch heute noch indischen Sozialreformern Anregungen.
Man beachte: Hier handelt es sich um Reform-Impulse aus dem Bereich der Mission, die heute oft als klassisches Instrument christlicher Unterdrückung hingestellt wird. Eben deshalb, weil Careys Gedanken aus Gottes ewiger Offenbarung (und nicht aus einer Zeitströmung) stammten, können sie auch unserer Zeit zeigen, welche ethischen Weichenstellungen zur Lösung unserer gesellschaftlichen Aufgaben erforderlich sind.
Ein Beispiel: In Indien wird seit 1987 die Forderung diskutiert, Witwenverbrennungen wieder zuzulassen. Die Brisanz liegt darin, daß wegen der politischen und rechtsphilosophischen Entwicklung8 eine mehrheitliche Befürwortung der Zulassung inzwischen denkbar ist. Deshalb behandelt das Buch von R. und V. Mangalwadi auch die Frage, welche (biblisch begründeten) Gedanken Carey zu seinem Kampf gegen die Witwenverbrennungen motiviert haben: Gerade diese Gedanken sind für die gegenwärtige Diskussion in Indien hochaktuell.
Aber auch wir können aus der biblischen Ethik Perspektiven bekommen, die für die Zukunft unserer Gesellschaft relevant sind9; auch bei uns gibt es wichtige gesellschaftliche Aufgaben, die mit Ethik zu tun haben. Die Stichworte Umweltverhalten und AIDS-Vorsorge sollen dies hier nur andeuten.
Nun werden die Gedanken der Bibel zur Sexualethik werden manchmal als veraltete, moralistische Regeln hingestellt, die v. a. die Frau einengen würden10. Doch bei genauer Betrachtung wird klar: Die biblische Sexualethik, in der sich die Weisheit des Schöpfers zeigt, enthält Aussagen, die für die Respektierung der Frau wichtig sind. Ein Beispiel aus Careys Engagement in Indien: Er begriff, daß die Notlage der Frauen (und der verachteten Kasten) darauf beruhte, daß man im Hinduismus nichts wußte von dem ungeheuren Wert, den Gott dem Menschen beimißt. Carey dagegen las in der Bibel, daß Mann und Frau das Ebenbild Gottes sind. Das motivierte ihn zum Handeln.11
Ein anderes Beispiel: Die Kritik des Urchristentums an Sex außerhalb der Ehe bezweckte u. a. den Schutz der Frau gegen Ausbeutung12. Was vielen (angeblich fortschrittlichen) Zeitgenossen einengend erscheint, ist in Wirklichkeit ein emanzipatorischer Durchbruch, hinter dem Gott stand: Er wußte, warum klare Leitlinien gut und nötig sind.
Frauenfeindliche Entwicklungen in unserer Zeit
Sexuelle Ausbeutung von Frauen durch Männer ist heute leider noch genauso aktuell; das gab es bekanntlich nicht nur im antiken Umfeld des Hellenismus, in dem Paulus seine Briefe schrieb. Welche frauenfeindlichen Tendenzen sich heute ausbreiten, wird oft deshalb übersehen, weil dies teilweise unter dem Deckmantel des "Fortschritts" geschieht. Manche Entlarvung solcher Zusammenhänge verdanken wir den Analysen von Feministinnen.
Allgemein bekannt ist, daß die touristische Globalisierung verbunden mit westlicher Lust-Ideologie vielen Frauen Entwürdigung und Abhängigkeit gebracht hat ("Sextourismus"). Aber auch anderen Ideologien haben sich in unserem Jahrhundert stark ausgebreitet. Wenn Ideologien oder fanatische Religiosität mit totalitärer Kontrolle verbunden werden (z. B. in manchen muslimischen Staaten), bringt das v. a. den Frauen und Mädchen millionenfaches Leid13.
Den folgenden Bericht über "weggeworfene Mädchen" bekamen wir kürzlich aus China: "Durch die Gassen der Stadt läuft ein alter Mann. Hier hebt er ein Stück Papier auf, dort eine Dose oder ein alte Flasche. An einem Abfallhaufen hält er inne. Ein leises Wimmern dringt an sein Ohr: Ein Baby ist auf den Müll geworfen worden. Der Alte nimmt das Kind vorsichtig auf und trägt es nach Hause. Zhang Hongbinnn und seine Frau, beide ohne Arbeit, schlagen sich durch, indem sie wiederverwertbare Abfälle verkaufen. Zwanzig Babys haben sie über die Jahre gefunden, ausgesetzt in Hinterhöfen, Abfallkörben, Müllhaufen und öffentlichen Toiletten. 'Was hätte ich denn sonst tun sollen?', sagte Zhang Hongbinn. 'Ich hebe jedes Stückchen Papier auf, wie kann ich dann Babys liegenlassen?'"
Den Hintergrund dieser grausamen Unsitte, von der wieder die Mädchen überdurchschnittlich stark bedroht werden, erläutert ein deutscher Sozialarbeiters vor Ort: "In China gibt es seit den 80er Jahren die Ein-Kind-Politik: Es darf nur noch Familien mit einem Kind geben. Und das sollte nach dem traditionellen Verständnis ein gesunder Junge sein. Eltern setzen ihre neugeborenen Säuglinge aus, weil sie behindert, entstellt, krank sind - oder weil sie als Mädchen auf die Welt kamen."
Der "Terror der angeblichen Norm"
In Deutschland sind andere frauenfeindliche Tendenzen entstanden, bei denen es z. T. auch um Leben und Tod geht. Von vielen verantwortungslosen Männern wird den Frauen die Verantwortungslast für die Kindestötungen im Mutterleib aufgebürdet. In jedem Fall sind sie es vor allem, denen die emotionale Bewältigung14 und die Verarbeitung der Gewissensregungen nach der Abtreibung bleibt.
Die sogenannte "sexuelle Revolution" mit ihren (nicht nur negativen!) Auswirkungen auf das Sexualverhalten in unserer Gesellschaft hat die Situation vieler Frauen in problematischer Weise verändert. Die Feministin Alice Schwarzer nennt diese subtile Form der Frauen-Ausbeutung den "Terror der angeblichen Norm"15: "Wenn sie nicht täglich mit ihrem Mann schlafen wollen, wenn sie keinen Orgasmus haben ... - immer heißt es: Du bist nicht normal. Am schlimmsten ist es in der Sexualität, wo Frauen die vorbehaltenen Normen kaum überprüfen können. Sie müssen hinnehmen, was Männer und Medien erzählen."16
An anderer Stelle ihrer Analyse beschreibt Alice Schwarzer die Beziehungswirklichkeit unserer Gesellschaft folgendermaßen: "Frauen erkaufen sich menschliche Nähe, Hautkontakt, Zärtlichkeit und soziale Anerkennung durchs Bett."17 Es ist kein christlicher Moralapostel, der unserer - angeblich so fortschrittlichen - Gesellschaft dieses Armutszeugnis ausstellt. Aber es sind die Christen, die unserer Gesellschaft hier tatsächlich weiterhelfen können: Weil sie selbst die Befreiung durch Jesus Christus kennen, haben sie für Frauen und Männer - und deshalb auch für deren Zusammenleben - berechtigte Hoffnung.18
Rolf-Dieter Braun ist Theologe und arbeitet seit 1985 als Fachjournalist: Zunächst gehörte er dem Redaktionsteam des AUFTRAGS an; jetzt ist er Redakteur bei der Zeitschrift come. Er lebt in Hurlach (Oberbayern), wo er der JMEM-Gemeinschaft angehört, ist verheiratet und Vater von zwei Söhnen.
Anmerkungen
1 Der Vergleich mit dem Islam zeigt dies m. E. deutlich: Dort ist die Abwertung der Frau keine Inkonsequenz und kein Mißverständnis der zentralen Lehraussagen, sondern gehört zu den Grundaussagen der islamischen Anthropologie (vgl. P. Newton / Rafiqul Haqq, [s. Literaturhinweise] S. 51ff., 79ff. mit Zitaten) Dagegen war Frauen-Diskriminierung im sog. christlichen Abendland keine Konsequenz der christlichen Botschaft, sondern pure Inkonsequenz; sie stand eindeutig im Widerspruch zur Lehre Jesu Christi und des Urchristentums. Ich persönlich bin überzeugt: Für alle diese Beispiele läßt sich genau nachweisen, an welcher Stelle jeweils diese Grundlage des Christentums verlassen wurde.
2 Konkrete Beispiele aus dem Beziehungsalltag sind z. B. nachzulesen in der Zeitschrift FAMILY oder in den Ausgaben Nr. 43 (z. B. S. 39f.), Nr. 52 und Nr. 56 der Zeitschrift DER AUFTRAG (mit Literaturempfehlungen).
3 Dieser englische Missionar, Sprachwissenschaftler und Pädagoge, der darüber hinaus als Botaniker, Publizist und Begründer der modernen bengalischen Prosaliteratur bekannt wurde, lebte von 1761 bis 1834. Er war u. a. ein Pionier des Missionsgedankens und übersetzte die Bibel in viele indische Sprachen.
4 R. und V. Mangalwadi (s. Literaturhinweise), S. 8
5 Eine Witwe hatte folgende Alternative: Sie konnte sich verbrennen lassen oder den Rest ihres Lebens in Verachtung leben. Die Witwenverbrennungen hatten zur Folge, daß die Kinder der betreffenden Familie auch noch zu Vollwaisen wurden. - Carey kämpfte auch gegen die zugrundeliegende Auffassung, daß der Ehemann von seiner Frau als ihr "Gott" betrachtet werden solle und daß das Leben einer Frau wertlos sei, wenn ihr Ehemann nicht mehr lebt. (Mangalwadi, a. a. O., S. 15ff., 91f.)
6 Mangalwadi, a. a. O., S. 14f.
7 Eine Volkszählung am Ende des 19. Jahrhunderts ergab, daß es in Kalkutta und Umgebung über 50.000 Witwen im Alter zwischen 5 und 9 Jahren gab. (Mangalwadi, a. a. O., S. 20)
8 V. a. die folgenden Ideen bewirken die Offenheit für den Brauch der Witwenverbrennung: - der Gedanke des individuellen Selbstbestimmungsrechtes - die Überzeugung, daß durch demokratische Abstimmung entschieden werden kann, ob etwas richtig oder falsch ist - die New-Age-Vorstellung, der Mensch könne selbst definieren, was Realität ist (Mangalwadi, a. a. O., S. 92ff.)
9 Könnte man die Euthanasie- und Abtreibungs-Diskussion im Westen in mancher Hinsicht mit der Diskussion über die Witwenverbrennung in Indien vergleichen? (so Mangalwadi, a. a. O., S. 93)
10 So wird christlichen Abtreibungsgegnern oft vorgeworfen, sie würden sich über das Selbstbestimmungsrecht der Frau (populäres Schlagwort: "Mein Bauch gehört mir!") hinwegsetzen - als ob dies das einzige wertvolle Rechtsgut wäre. Zum Verhältnis von Abtreibung und Frauenrechten wurde vor einiger Zeit folgender Spruch formuliert: "Ich bin für die Rechte aller Frauen - auch der ungeborenen!"
11 vgl. Mangalwadi, a. a. O., S. 25
12 Warum im frühen Christentum "außerehelicher Geschlechtsverkehr ... in jedem Falle - vor und neben der Ehe - verpönt" ist, begründet der Altphilologe und Religionswissenschaftler Prof. Hubert Canzik folgendermaßen: "Paulus dürfte hier außer der Prostitution vor allem der Verkehr des Herrn mit seinen Sklavinnen im Auge haben." (H. Canzik, Die neutestamentlichen Aussagen über Geschlecht, Ehe, Frau. Ihr religionsgeschichtlicher und soziologischer Ort, in: Hubert Canzik u.a. [Hrsg.], Zum Thema Frau in Kirche und Gesellschaft. Zur Unmündigkeit verurteilt? Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 1972, S. 12)
13 In manchen islamischen Ländern sind Mädchen und Frauen dem kollektiven Zwang zur sog. "Klitoris-Beschneidung" ausgesetzt. (Literatur: Hanny Lightfoot-Klein, Das grausame Ritual. Sexuelle Verstümmelung afrikanischer Frauen, Fischer Taschenbuch Verlag 1992)
14 Nicht zu unterschätzen ist die emotionale Belastung (GGe 45 FFD; 3/1990 S. 4f.)
15 Dieses Freiheitsdilemma wird von Gerhard Friedrich (s. Literaturhinweise) folgendermaßen beschrieben: "Der ... Mensch hat die Tabus der Vergangenheit durchbrochen, um frei zu sein. Aber in Wirklichkeit ist er gar nicht frei. Er unterwirft sich der Omnipotenz des Sex. ... Die angebliche Durchschnittsnorm wird zur geltenden Sollnorm."
16 A. Schwarzer, Der kleine Unterschied. Frauen über sich - Beginn einer Befreiung, Fischer Taschenbuch Verlag (1977) 1998, S. 185
17 A. Schwarzer, a. a. O., S. 182
18 weiterführende Gedanken dazu und Literatur über Hilfen in Beziehungsproblemen: s. Anmerkung Nr. 2 und die Ausgabe Nr. 71 der Zeitschrift DER AUFTRAG
Literatur
- Ruth and Vishal Mangalwadi, Carey, Christ and Cultural Transformation. The Life and Influence of William Carey, OM Publishing, Carlisle 1997 (ISBN 1-85078-258-x)
- Heyo E. Hamer, Artikel "William Carey", in: Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde (ELThG), Wuppertal und Zürich: Brockhaus Verlag, Bd. 1, 1992, S. 352f.
- Gerhard Friedrich, Sexualität und Ehe. Rückfragen an das Neue Testament, Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 1977 (ISBN 3-460-08111-2)
- P. Newton / Rafiqul Haqq, Ist Allah Gott? Stephanus Edition, 2. Aufl. Uhldingen 1997 (S. 79-132: Frauen im Islam)
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