"Eine 'Charismatische Bewegung' kann es eigentlich gar nicht geben ..."
Zur Überraschung mancher Christen haben die charismatischen Aufbrüche der letzten Jahrzehnte gezeigt, dass der Heilige Geist in allen möglichen kirchlichen und freikirchlichen Traditionen wirken kann und will. Was sollten wir daraus lernen?
Großmann: Der Heilige Geist ist ein Meister der Integration. Er kann in alle kirchlichen Traditionen hineinwirken und kann überall Erneuerung bewirken. Das Problem, das wir Menschen damit haben, ist allerdings: Wenn ich mit meiner Geisterfahrung die anderen anschaue, kann es passieren, dass ich das Wirken des Geistes in einer anderen Tradition gar nicht erkenne. Und dann sage ich: "Da ist nichts!"
Diesen Gedanken muss man sogar noch ausweiten: Nicht nur das Wirken des Geistes in anderen christlichen Traditionen, sondern auch sein Wirken in anderen Lebenssituationen übersieht man leicht. So bin ich beispielsweise vor einigen Wochen in Südafrika gewesen und habe da Wirkungen des Heiligen Geistes gesehen, die mir zunächst ganz "weltlich" vorkamen. Aber in dieser ganz bestimmten Situation mussten sie einfach so sein. Mein Wahrnehmungsproblem hatte in diesem Fall nichts mit bestimmten kirchlichen Traditionen, sondern mit der betreffenden Lebenssituation zu tun.
Aber wenn wir lernen, sozusagen "nach links und rechts" zu schauen und von unserer eigenen Erfahrung wegzublicken, dann werden wir einen großen Reichtum und eine große Vielfalt im Wirken des Heiligen Geistes entdecken.
Was steckt hinter Ihrer Aussage, dass man den Begriff "Charismatische Bewegung" lieber nicht verwenden sollte?
Großmann: Eigentlich kann es eine "Charismatische Bewegung" gar nicht geben. Dieser Begriff hat das Missverständnis gefördert, es gäbe ein Christsein mit Charismen und ein Christsein ohne Charismen. Die Charismen gehören aber so sehr zum Grundhandeln Gottes, dass man eigentlich nur davon sprechen kann, ob sie "entdeckt" und "geweckt" worden sind, so dass sie dann im Leben eine Rolle spielen und Erfahrungen mit den Charismen möglich sind. Darum sollten wir darauf achten, wie wir über die Charismen sprechen.
Dass eine Bewegung sich mit den Charismen befasst, ist wichtig, weil die charismatischen Erfahrungen durchaus dazu berechtigen, dass man sie pflegt und entwickelt - und daraus kann dann eine Bewegung entstehen.
Sie haben sich kritisch über diejenigen Christen geäußert, die eine Konferenz nach der anderen besuchen. Wo sehen Sie da das Problem?
Großmann: Zur Integration von Geisterfahrungen in das Leben gehört, dass die Erfahrungen eine Dauer bekommen. Das betrifft sowohl das Leben des Einzelnen wie auch das Leben von Gemeinden; das betrifft aber auch das Berufsleben und das Ganze unserer Gesellschaft.
Dass die charismatischen Erfahrungen "wachsen", das bedeutet: Man muss auch aus Fehlern lernen können und immer wieder einen neuen Ansatz finden. Dazu gehört auch, dass eine Gemeinde lernen muss, mit Schwierigkeiten umzugehen; sie muss unter Umständen auch das Scheitern in ihre geistliche Erfahrung integrieren können.
All das fehlt aber bei Christen, die nur von Konferenz zu Konferenz gehen. Und wenn diese Konferenzen dann noch in starkem Maß von Manipulation geprägt sind, wenn also durch äußere Gegebenheiten Gefühle hervorgerufen werden sollen, bleibt es - mit einem Gleichnis von Jesus ausgedrückt - dabei, dass der Samen auf den harten Boden fällt und keine Frucht bringt, weil er nicht wurzeln kann. Und deshalb müssen Charismen immer auf die Gemeinschaft der Christen, die sich im Gemeindeleben äußert, bezogen werden.
Was man auf vielen Konferenzen kaum lernen kann, das ist die Übertragung ins Leben. Die Gedanken und Anregungen, die man dort bekommt, müssen sich aber im Leben bewähren. Da kommt der Konferenzbesucher oft in eine schwierige Position: Er hat irgendeinen tollen Gedanken gehört oder ein Zeugnis, das ihn vom Hocker reißt - und dann kommt er nach Hause und versucht, es genauso zu machen. Oder er wartet zu Hause auf bestimmte Wirkungen - aber dann kommt es ganz anders.
Noch schwieriger ist es, wenn jemand als Einzelner auf eine Konferenz geht und danach in seine Gemeinde oder in seine Familie zurückkommt: Wenn seine neu gewonnenen Anliegen und Interessen dort nicht geteilt werden, dann ist er isoliert. Viele haben dann niemanden, der ihm in dieser Situation weiterhelfen kann. Die Resignation ist in diesem Fall geradezu vorprogrammiert.
Woher kommt Ihre Sorge, dass charismatische Aufbrüche durch Einseitigkeit und Unausgewogenheit gefährdet sind?
Großmann: Immer dann, wenn eine Bewegung oder eine Person nur einen Ausschnitt aus dem Ganzen der möglichen Geistwirkungen in den Mittelpunkt stellt, dann sammeln sich Leute, die sozusagen einen Fanclub für diesen Sektor bilden. Solch ein Ausschnitt kann beispielsweise die Prophetengabe oder die Heilungsgabe sein; auch auf die so genannte "Glaubensbewegung" passt diese Beschreibung.
Eine solche Gruppe oder Bewegung hat nun die Tendenz, ganz in diesem Sektor aufzugehen und alles auf diesen speziellen Ausschnitt zu beziehen. Nehmen wir einmal das Beispiel, dass die Gabe der Prophetie im Mittelpunkt einer Gruppe steht. Wenn nun das korrigierende Gegengewicht fehlt und die Prüfung der Prophetien nicht richtig praktiziert wird, wird es problematisch. Das gilt auch, wenn man in der betreffenden Gruppe nicht lernt, wie man damit umgeht, dass eine Prophetie sich nicht erfüllt, oder was Vergebung dann bedeutet, wenn ein prophetischer Beitrag als falsche Prophetie eingestuft werden muss. Die Folge einer solchen Einseitigkeit ist oft, dass immer mehr prophezeit wird und immer weniger darauf geachtet wird, was damit passiert.
Das ist ein typisches Beispiel, das wir heute oft haben. Da fehlt die korrigierende Wirkung von Erfahrungen, die ganz anders sind. Und das ist überall dort ein Problem, wo man sich auf solche "Ausschnitte" konzentriert und nicht das Ganze der möglichen Geistwirkungen im Blick behält.
Das ist aber keineswegs nur ein Problem bei Christen, die für die charismatischen Wirkungen des Heiligen Geistes offen sind: Auf diese Weise sind ja viele Überspitzungen in den verschiedenen Kirchen entstanden. Die konfessionellen Schwerpunkte haben auch oft einen solchen Ausschnittcharakter.
Hat charismatische Frömmigkeit auch etwas mit gesellschaftlichem Engagement oder mit Diakonie zu tun?
Großmann: Die Gaben des Heiligen Geistes sind ein wesentlicher Impuls der Mission. Nun hat aber Mission immer zwei Seiten: Einmal die Verkündigung des Evangeliums der Rettung und andererseits die Praxis des Evangeliums der Hilfe - also Evangelisation und Diakonie.
Die Gaben des Heiligen Geistes haben durchaus mit der gesellschaftlichen Situation zu tun: Nicht nur die Diakonie selbst, sondern auch die Gabe des Teilens und die "Hilfeleistungen" werden in Römer 12 bzw. am Ende von 1. Korinther 12 genannt.
Auch die prophetische Gabe ist auf Öffentlichkeit hin ausgerichtet: Wenn Christen das ansprechen wollen, was der Geist ansprechen will, dann werden sie auch die gesellschaftliche Öffentlichkeit erreichen; dann können sie sich nicht auf interne Kommunikation beschränken.
Nehmen wir einmal an, es gäbe bei uns hier in Deutschland eine Situation, in der eine Veränderung der Politik dringend nötig ist. Ich stelle mir nun vor, dass Gott vielen Menschen, die für die Gabe der Prophetie offen sind, einen Einblick in diese Zusammenhänge geben würde. Was würde dabei herauskommen?
Im Augenblick wäre zu vermuten, dass die Bundesregierung oder der Bundeskanzler davon überhaupt nichts erfährt, weil das jeder nur in seiner Gemeinde oder auf seiner Konferenz verkündigt. Hinzu kommt, dass es auch noch in einer solchen Sprache - und vielleicht auch so überspitzt - geschehen würde, dass ein Politiker diesen Impuls gar nicht verstehen, ernst nehmen oder aufgreifen könnte.
Wir müssen uns also fragen: Wie kann es passieren, dass Anliegen Gottes, die eigentlich für die Öffentlichkeit bestimmt sind, diese Öffentlichkeit gar nicht erreichen? Liegt es daran, dass wir die Öffentlichkeit nicht erreichen? Kommt es daher, dass wir so "intern" sind und vielleicht auch ein wenig komisch wirken? - Diesen Fragen müssen wir uns stellen.