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Gisbert Kranz: Fantasy - etwas für Christen?  
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Es ist nicht zu verkennen, dass heute wieder eine Welle von Satanismus rollt. Man begegnet Menschen, die nicht an Gott, aber an Satan glauben. Die phantastische Literatur bleibt von solchen Einflüssen nicht verschont. Und zweifellos gilt auch hier der Aufruf, wachsam zu sein (siehe 1 Petr 5,3). Grundsätzlich gilt: Jedes Produkt menschlicher Kultur kann ein Einfallstor Satans sein, kann aber auch dem Reich Gottes dienen: Wissenschaft, Technik, Kunst, Film, Theater, auch Literatur, auch Fantasy.

Auch J. R. R. Tolkien hat diese Gefahr gesehen: “Natürlich kann Fantasy über jedes Maß hinausschweifen. Sie kann schlecht ausgeführt sein. Sie kann bösen Zwecken dienen. Doch von welchem Menschenwerk in dieser gefallenen Welt gälte das nicht? Fantasy bleibt ein Menschenrecht: Wir schaffen nach unserem Maß und abgeschautem Muster, weil wir selber geschaffen sind - und nicht nur geschaffen, sondern geschaffen nach dem Bild eines Schöpfers."


Verzauberung, die nichts mit Magie zu tun hat

Zunächst muss man unterscheiden zwischen vulgärer Fantasy-Literatur, die eine Mischung aus Pornographie und Gewaltverherrlichung ist und meist schon an den knalligen Bildern der Schutzumschläge als trivial zu erkennen ist, und gehobener Fantasy, die große Dichtung sein kann. Das ist ein Unterschied des künstlerischen Niveaus.

Eine andere Unterscheidung ist zu treffen, wenn nach dem Geist gefragt wird, der ein Literaturwerk erfüllt. Bei der vulgären Fantasy ist unschwer auszumachen, wo der Diabolos, der "Alles-Durcheinander-Schmeißer", seine Finger im Spiel hat. Bei der gehobenen Fantasy ist das schon etwas schwieriger; da kann der Versucher sich im Gewande ästhetischer Attraktivität nahen.

Es kommt sehr auf den Leser an, wie er auf solche Bücher reagiert. Die okkultistischen Sachbücher, die praktische Anleitungen zur Magie, die theoretischen Darstellungen von Teufelskulten und die Werbeschriften esoterischer Zirkel, die von Spezialbuchhandlungen für Geheimwissenschaft vertrieben werden, sind wegen ihrer handfesten Ernsthaftigkeit weit gefährlicher, als ein Fantasy-Roman, in dem magische Riten zwar eine Rolle spielen, aber wegen ihrer Fiktionalität vom Leser nicht buchstäblich ernst genommen werden.

Geschichten voller Zauber und erfundener Wesen sind nach Tolkien eine Zweitschöpfung, eine sekundäre Welt, die der Geschichtenerfinder nicht hätte herstellen können, ohne die primäre Welt, die Schöpfung Gottes. Zur Märchenkunst gehört Verzauberung, die aber nichts mit Magie zu tun hat. Diese wird von Tolkien folgendermaßen definiert: "Magie bewirkt eine Änderung in der Primärwelt oder gibt vor, sie zu bewirken. Magie ist keine Kunst, sondern eine Technik; was sie will, ist Macht in dieser Welt, Herrschaft über Dinge und Willenskräfte.” ...


Zauberei und satanistische Propaganda

Dass in phantastischen Dichtungen Zauberei und magische Apparate vorkommen, ist kein Kriterium für satanistische Tendenzen. Zauberei ist ein Merkmal der literarischen Gattung und begegnet einem überall in Märchen, Fantasy-Romanen und phantastischen Erzählungen. Sie wird von gewissen Fantasy-Autoren tatsächlich ernst genommen und kann satanistischer Propaganda dienen. Aber Autoren wie J. R. R. Tolkien, C. S. Lewis und Charles Williams verwenden in ihren phantastischen Dichtungen Zauberei lediglich als gattungsspezifisches poetisches Ausdrucksmittel: Diese Schriftsteller sind keine Okkultisten, Schwarzkünstler oder Satanisten.

Lewis, Tolkien und Williams bildeten in Oxford in den dreißiger, vierziger und fünfziger Jahren mit anderen Christen einen Freundeskreis mit dem Namen Inklings (selbstironische Bezeichnung: "Tintenkleckser"). Sie schöpfen aus der Bibel und aus einem Leben des Gebets, das sich auch in ihren geistlich-erbaulichen Schriften äußert.

Unter den phantastischen Dichtungen, die zur Weltliteratur zählen, gibt es manche Werke, die von den Lesern in der Regel und mit Recht als christliche Literatur verstanden wurden und werden (Beispiele: s. Kasten). Natürlich gibt es in jedem dieser phantastischen Werke hie und da eine Einzelheit, über die der eine oder der andere gläubige Christ den Kopf schütteln mag, eine abwegige religiöse Meinung oder eine gewagte theologische Spekulation. Gleichwohl vermittelt jedes dieser Werke eindrucksvoll die christliche Botschaft.


"Der Herr der Ringe"

Tolkiens grandioses Werk gilt heute als der Gipfel phantastischer Literatur. Zugleich ist es ein Beispiel jener Art christlicher Literatur, in der keine sakrale oder theologische Sprache verwendet wird und weder das Wort "Gott" noch der Name Christi vorkommt. Von Christus kann im "Herrn der Ringe" schon deshalb nicht ausdrücklich die Rede sein, weil die fiktionale Handlung sich lange vor Christi Geburt abspielt.

Selbstverständlich gründet es, wie Tolkien selbst erklärte und wie auch die Tolkien-Forschung feststellte, in seinem katholischen Glauben. So gibt es in diesem Werk eine göttliche Vorsehung, deren Exekutoren die Valar sind. Lembas ist ein Eucharistie-Symbol: viaticum, Wegzehrung und Mitte der Gnade, die dem menschlichen Willen hilft. Durch die Geschichte zieht sich ein Faden erfüllter Prophetie. Einige Gestalten erinnern an Christus. Sauron ist der Typ des gefallenen Engels. Das Böse ist Gutes, das verdorben wurde.

Es gibt bei Tolkien keine Schwarz-Weiß-Malerei: hier die hundertprozentig Guten, dort die hundertprozentig Bösen. Wohl ist der Unterschied zwischen gutem und bösem Handeln deutlich, aber diese scharfe Grenze geht mitten durch das Herz des Einzelnen und verändert sich stetig mit jeder seiner Entscheidungen. So gibt es eine Entwicklung der Charaktere, ein Wachsen oder ein Abnehmen.

Nachdem aus Tolkiens Nachlass das "Silmarillion", ferner Entwürfe von Erzählungen und die "Verschollenen Geschichten" erschienen waren, wurde deutlich: Dieser Gott, der als "Der Eine" hinter und über allem Geschehen in Mittel-Erde steht, ist nicht irgendeiner, sondern der christliche Gott. "Der Herr der Ringe" ist ein Teil jenes von Tolkien entworfenen Mythos, der die biblische Geschichte von Schöpfung, Sündenfall und Erlösung dichterisch neu inkarniert.


Der Kampf gegen die üblen Fantasy-Romane

Über Fantasy hat sich George MacDonald, der auf die Inklings großen Einfluss ausübte, auch theoretisch geäußert. Er hat diese Literaturgattung folgendermaßen gedeutet: "Der Mensch kann, wenn ihm das gefällt, eine eigene kleine Welt erfinden, die ihre eigenen Gesetze hat. Denn es liegt etwas in seinem Wesen, das sich freut an dem Hervorrufen neuer Formen - was ihn vielleicht am ehesten dem Schöpfer ähnlich macht."

Die phantastischen Dichtungen von Lewis, Tolkien, Williams, Chesterton und MacDonald haben den Kampf gegen den menschenverachtenden Satan zum Thema. Das beste Mittel, die üblen Fantasy-Romane wirkungsvoll zu bekämpfen, besteht in der Empfehlung und Verbreitung guter Fantasy.



Dr. Gisbert Kranz (82), Aachen, studierte Literaturwissenschaft und Theologie. Wird bei der Korrektur noch ergänzt. Und auch dies wird bei der Korrektur noch ergänzt, dagegen wird jenes erst bei der Korrektur ergänzt. - Dieser Artikel ist eine stark gekürzte Fassung des Originaltexts: Fantasy - für Christen?, in: Hans Dürr/Christoph Ramstein (Hrsg.), Basileia - Festschrift für Eduard Buess, Edition Mitenand, Basel 1993, S. 181-196



Die Inklings und ihre Vorbilder

Die Autoren C. S. Lewis, J. R. R. Tolkien und Charles Williams bildeten in Oxford in den dreißiger, vierziger und fünfziger Jahren mit anderen Christen einen Freundeskreis, der unter dem Namen "Inklings in die Literaturgeschichte eingegangen ist.

G. K. Chesterton (1874-1936) und George MacDonald (1824-1905), die dem 19. und dem frühen 20. Jahrhundert angehören, übten auf die Inklings und auf andere Schriftsteller großen Einfluss aus.

Alle fünf zählen zur Weltliteratur. Alle fünf schöpfen aus der Bibel, aus Dante (dem größten christlichen Dichter überhaupt) und aus einem Leben des Gebets, das sich auch in ihren geistlich-erbaulichen Schriften äußert. Und alle fünf sind von vielen bewunderte und nachgeahmte Meister der Fantasy.

- C. S. Lewis (1889-1969)
Der bedeutende Literaturwissenschaftler aus Oxford, später in Cambridge, bekehrte sich im 32. Lebensjahr zum christlichen Glauben, den er in vielen Büchern verteidigte. Durch seine Werke sind viele Menschen zum Glauben geführt worden. Dieser Apologet ist zugleich ein Bahnbrecher der Science Fiction, die er in einer Weltraum-Trilogie mit der Gattung Fantasy verschmolz zu einer theologischen Science-Fantasy, und gilt als Klassiker des Kunstmärchens.

- J. R. R. Tolkien (1892-1973)
Lewis' Bekehrung zum christlichen Glauben wurde sehr gefördert durch Gespräche, die J. R. R. Tolkien mit ihm führte. Die Frömmigkeit dieses Katholiken tritt deutlich hervor in seinen Briefen an seine Söhne, in denen er über den Glauben und sein Gebetsleben spricht.

- Charles WilIiams (1886-1945)
scharte Studenten und Studentinnen um sich, die er, der Laie und Familienvater, in der Kunst unterwies, ein christliches Leben zu führen, und gründete auf der Grundlage von sieben Sätzen aus dem Neuen Testament eine noch heute bestehende religiöse Gemeinschaft. Außer Essays, theologischen Büchern, Romanen und Erzählungen schrieb er religiöse Gedichte und geistliche Spiele. Williams' Hauptwerk sind "Die Arthur-Gedichte", die zu den größten christlichen Dichtungen des 20. Jahrhunderts zählen. C. S. Lewis war vom dichterischen Rang und vom religiösen Gehalt dieser Dichtung so begeistert, dass er ein ganzes Buch zu ihrer Auslegung schrieb.

- G. K. Chesterton (1874-1936)
verteidigte 1903 und 1904 in einer öffentlichen Kontroverse mit dem Atheisten R. Blatchford den christlichen Glauben. 1911 und 1914 erschienen die ersten beiden Bände seiner Detektivgeschichten, deren Held ein Landpfarrer namens Father Brown ist. Drei weitere Bände dieser an theologischen Gedanken reichen Krimis folgten. Von Chestertons religiösen Büchern sind die wichtigsten "Der unsterbliche Mensch", über die zentrale Stellung Jesu Christi in der Menschheit, und seine Biographien über Franz von Assisi und Thomas von Aquin.

- George MacDonald (1824-1905)
Nachdem MacDonald, der Sohn eines schottischen Bauern, an der Universität Aberdeen seinen Meistergrad in Chemie und Physik erworben hatte, studierte er in London Theologie. Seine Absicht war, die Literatur zu seiner Kanzel zu machen. In "Lilith", einem Märchenroman für Erwachsene, fasst MacDonald die christliche Weisheit seines ganzen Lebens zusammen. Die Symbole und Bilder entstammen zum Teil der Bibel. Auch hier geht es wieder um den spirituellen Weg, um die Gefährdungen, die auf den Menschen lauern, der nach dem Heil strebt, und um die Überwindung des Todes.



Phantastische Dichtungen der Weltliteratur

- Legendenepen und Visionendichtung des Mittelalters

- Wolfram von Eschenbach: "Parzifal"

- Dante: "Die Göttliche Komödie"

- Thomas Morus: "Utopia"

- Milton: "Das verlorene Paradies"

- Bunyan: "Die Pilgerreise"

- Klopstock: "Der Messias"

- Jeremias Gotthelf: "Die schwarze Spinne"

- Wladimir Solowjew: "Die kurze Erzählung vom Antichrist"

- Robert Hugh Benson: "Der Herr der Welt"

- Rudolf Otto Wiemer: "Nicht Stunde noch Tag"

- Albrecht Gralle: "Verwandlung" und "Die grüne Wiese"

- Hans Bemmann: "Stein und Flöte"

- Madelaine l'Engle: "Die Zeitfalte", "Der Riss im Raum" und "Durch Zeit und Raum"



Lesetipps

- Hans Steinacker, C. S. Lewis. Leben und Werke, Hänssler-Verlag, Neuhausen 1999

- Hans Dürr, Streiflichter aus der Welt des C. S. Lewis in: Hans Dürr/Christoph Ramstein (Hrsg.), Basileia - Festschrift für Eduard Buess, Edition Mitenand, Basel 1993, S. 73-89

- John Houghton, Was bringt Harry Potter unseren Kindern? Brunnen Verlag, Basel und Gießen 2001

- Gabriele Kuby / Michael Hagenböck, Harry Potter - Der Herr der Ringe. Unterscheidung tut not Fe-Medienverlag, 2002

- Gisbert Kranz veröffentliche im EOS-Verlag (St. Ottilien) mehrere Bände mit Biographien vorbildlicher Christen: Zwölf Frauen (1998), Zwölf Reformer (1998), Zehn Nothelfer, (1999) Zwölf Kirchenmänner (2000)



Internet-Service

http://www.uni-leipzig.de/~angl/inklings (Inklings-Gesellschaft für Literatur und Ästhetik e. V.; Anschrift: c/o Irene Oberdörfer, Hardt 36, D-47877 Willich, Tel. 02159-599690, Fax -599693, E-Mail: inklings@gmx.de)

http://www.inklings.de - http://www.cslewis.org -

http://www.cina.de/cslewis/kennen/frameken.htm -

http://cslewis.drzeus.net -

http://www.tolkiensociety.org - /

http://www.geocities.com/charles_wms_soc -

http://www.george-macdonald.com -

http://www.sayers.org.uk





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