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„Europa eine christliche Seele geben ...“  
 

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Bericht von einer Begegnung in Rom

 

von Friedrich Aschoff


Seit ein paar Jahren ist neues Leben in die katholischen Erneuerungsbewegungen gekommen. Schon heute gilt der Pfingstsamstag 1998 als historisches Datum: Über 300.000 Christen aus den verschiedensten katholischen Erneuerungsbewegungen waren damals auf dem Petersplatz zusammengeströmt. Sie waren dabei, als ihre Bewegungen dem Papst vorgestellt wurden. Sichtlich bewegt sprach Johannes Paul II. von der „Erhörung vieler Gebete“ und nannte die Erneuerungsbewegungen als „gleich wesentlich“ (coessentiale) für das Leben der Kirche. So ermutigt ergriffen drei italienische Erneuerungsbewegungen, die Fokolar-Bewegung mit Chiara Lubich, die Gemeinschaft von Sant’Egidio mit Prof. Andrea Riccardi, und die Charismatische Bewegung Movimento di Spirito Santo mit Salvatore Martinez die Initiative und kamen auch auf die Erneuerungsbewegungen der anderen Kirchen zu.


Die Erneuerungsbewegungen und das gesellschaftliche Engagement

Am 8. Dezember 2001 hatte in München das Treffen „Miteinander - wie sonst?“ stattgefunden, das wesentlich wurde für die Einheit der Erneuerungsbewegungen in Deutschland. Ende Mai letzten Jahres konnten einige Vertreter dieser Bewegungen einer Einladung nach Rom folgen. Dort wurde deutlich, dass die geistlichen Erneuerungsbewegungen zugleich eine große gesellschaftliche Aufgabe erkennen. Es gilt, wie Chiara Lubich es formulierte, „Europa eine christliche Seele zu geben“. Erneuerung darf nicht bei der persönlichen Frömmigkeit und der Erneuerung des Einzelnen stehen bleiben; sie muss die Erneuerung der Gesellschaft zum Ziel haben.

Es ist dabei ein ganz besonderes Geschenk, dass gerade die Gemeinschaft von Sant’Egidio und die Fokolar-Bewegung auf diesem Gebiet bereits Wichtiges geleistet haben. Die erfolgreichen Verhandlungen, die zur Beendigung des Bürgerkrieges in Mosambik im Jahre 1986 geführt haben, wurden in Sant’Egidio unterzeichnet. Mit dem Entwurf eines gesellschaftlichen Zusammenlebens, das vom Leitbild der „neuen Stadt“ (vgl. Offb 21) geprägt ist, hat die Fokolar-Bewegung einen wichtigen Gegenentwurf zur „Entseelung“ der Städte vorgelegt. Sie schöpft ihre Energie zu gesellschaftlichen Veränderungen aus einem tiefen Glauben an die Kraft Gottes. Fast alle geistlichen Erneuerungsbewegungen in der katholischen Kirche haben diese Koppelung; ihre „Frömmigkeit drängt zur Gestaltwerdung in der Tat“. Besonders wir evangelischen Teilnehmer in Rom waren beeindruckt von dem großen Entwurf.


Europäischer Blickwinkel

Das sich jetzt neu ordnende Europa bedarf nicht nur wirtschaftlicher Kompetenz, sondern auch verantwortungsvoller Führer, die aus ihrem christlichen Glauben Gottesfurcht und Menschenwürde miteinander verbinden. Ohne diese Werte kann die ökonomische und ökologische Globalisierung der Erde zu einer großen Gefahr werden.

Spitzenpolitiker wie der Präsident der EU-Kommission, Romano Prodi, haben diese Gefahr erkannt und sind im Gespräch mit christlichen Persönlichkeiten wie Prof. Riccardi und Chiara Lubich. In einer Zeit, in der mehr als je zuvor wirtschaftliche Forderungen unser Leben bestimmen, gilt es die christliche Botschaft, wie Jesus sie gelebt hat, neu in das Bewusstsein unserer Völker zu bringen; es gilt den „verlassenen Jesus“ zu verkündigen, der seine tiefste Menschlichkeit darin zeigt, dass er den verlassenen Menschen begegnet.


Grenzüberschreitung

Das Klima der Tage in Rom war von großer gegenseitiger Wertschätzung und großer Gastfreundschaft geprägt. Ich selbst war von dem Schwung und der Weitsicht unserer italienischen Freunde beeindruckt. Es gilt auf dem aufzubauen, was im 20. Jahrhundert begonnen wurde. In diesem vergangenen Jahrhundert wurden drei Grenzen, die lange Zeit trennend und hemmend wirkten, überschritten:

1. Die Grenze zwischen den Konfessionen
Impulse zu ihrer Überwindung kommen vor allem von der ökumenischen und der charismatischen Bewegung. Es gibt eine charismatische Ökumene, die geistliche Brücken baut.

2. Die Grenze zwischen „Geistlichen“ und „Laien“
Das Priestertum aller Gläubigen, das ja im Ansatz schon bei den Reformatoren vorhanden ist, wird vielfach in den Bewegungen durch die „Charismen“ verwirklicht, die den Einzelnen gegeben sind.

3. Die Grenze zwischen Kirche und Gesellschaft
Es gilt, die Einengung der Kirche auf einen frommen Sektor des Lebens zu durchbrechen und christliche Lebenswerte offen zu vertreten: Gottesfurcht und Menschenwürde. Unseren Völkern in Europa mangelt es an Ehrfurcht vor Gott. Die Folge ist oft ein gestörtes Verhältnis zu den Menschen um uns herum.

Mit Recht werden menschliche Beziehungen als wichtiger empfunden als florierende Märkte. Dass dies jedoch keine Gegensätze sein müssen, macht uns das Evangelium an vielen Stellen deutlich. Als ein am sozialen Engagement interessierter ehemaliger „Achtundsechziger“ hat A. Riccardi die in Lukas 10 demonstrierte Verbindung von Kontemplation und Aktion als beispielhaft erkannt: Das Sitzen zu Jesu Füßen in der Geschichte von Maria und Martha und die helfende Tat im Gleichnis vom „Barmherzigen Samariter“ gehören zusammen; das eine folgt aus dem anderen! Oder anders gesagt: Ora et labora, bete und arbeite!

Es waren vor 1.500 Jahren vor allem die christlichen Mönche - heute als Heilige verehrt -, die mit ihrer missionarischen und kulturellen Botschaft Europa ein christliches Gesicht gaben. Sollte dies in unserer Zeit anders sein? Heilige sind nach biblischer Sicht die Menschen, die ganz zu Gott gehören wollen. Es lohnt sich für uns als Christen, an einem solchen Europa mitzuarbeiten.



Friedrich Aschoff ist Pfarrer im Vorruhestand und engagiert sich als 1. Vorsitzender der Geistlichen Gemeinde-Erneuerung in der Ev. Kirche (GGE).


Kontakt zum Autor

Sie können unter Friedrich.Aschoff@gmx.de Kontakt zum Autor aufnehmen.


Internet-Service

Interessante Internet-Adressen zum Artikel-Thema:
www.fokolare.de
www.santegidio.org
www.miteinander-wie-sonst.de
www.ottmaring.org
www.erneuerung.de
www.gge-online.de

 

Lesetipps

- Friedrich Aschoff, Europa braucht eine starke Seele. Miteinander für Europa – Sternstunde der Ökumene in Stuttgart am 8. Mai 2004, in: come* Nr. 7; S. 12-15

- Interview mit Helmut Nicklas, „miteinander – wie sonst?" - Gedanken über einen Begegnungstag, die Versöhnung und das „soziale Klima in der Stadt", in: DER AUFTRAG** Nr. 83, S. 42 ff.

- Interview mit Gottlob Heß, „Es ist Freundschaft entstanden ..." - Nebeneinander der Konfessionen oder versöhntes Miteinander in Vielfalt?, in: DER AUFTRAG** Nr. 83, S. 22 ff.

- DER AUFTRAG** Nr. 75 (Thema: Auf der Suche nach der verlorenen Einheit)

 

* Über die der Zeitschrift come kann man sich folgendermaßen informieren:
- www.come-magazin.de
- www.come-magazin.de/Inhalte/c02.php
- www.come-magazin.de/Service/nachbestellung.php


** Die JMEM-Themen-Zeitschrift DER AUFTRAG war eine der Vorläufer-Publikationen der come. Sie wurde über 20 Jahre lang von JMEM herausgegeben. 

Über diese Zeitschrift kann man sich folgendermaßen informieren: 

- www.der-auftrag.de

- Das AUFTRAG-Artikel-Archiv, eine Übersicht über alle Heft-Inhalte etc. sind im Internet ebenfalls unter www.der-auftrag.de zu finden.

- Nachbestell-Möglichkeit: www.come-magazin.de/Service/nachbestellung_auftrag.php 

 

 

 






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