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Freikirchen und charismatische Bewegung
Die Herbsttagung des Vereins für Freikirchenforschung (VFF) in Kniebis (14.-16. Oktober 2004) Was kann die Arbeitstagung eines Vereins, der kirchengeschichtliche und konfessionskundliche Forschung betreibt, richtig interessant und spannend machen? Die Antworten werden - je nach persönlicher Interessenlage - ganz unterschiedlich sein:
- Für manche besteht der Wert dieser Arbeit v. a. darin, dass der VFF sich mit Gebieten befasst, die sonst von der kirchengeschichtlichen Forschung oft vernachlässigt werden. - Andere kommen wegen der jeweiligen Themen; das Generalthema, das sich der VFF für dieses Symposium gestellt hatte, war sicherlich besonders spannend: "Freikirchen und charismatische Bewegung" (vgl. den unten stehenden Kasten mit den Themen aller Referate) - Die Historiker, Archivare und sonstigen Vertreter der einzelnen Freikirchen erhoffen sich neue (und möglicherweise sogar horizonterweiternde) Einsichten in die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte ihrer jeweiligen Denomination. - Andere finden es gut, dass hier auch die Erforschung von Erweckungsbewegungen eine Rolle spielt, so dass bei den VFF-Tagungen über dieses Gebiet neue und verlässliche Erkenntnisse vorgelegt werden. - Und dann gibt es Teilnehmer, die sich einfach darüber freuen, dass hier Christen aus unterschiedlichen Denominationen und Bewegungen zusammenkommen, über die Konfessionsgrenzen hinweg ihre Erfahrungen und Erkenntnisse austauschen und voneinander lernen. Und das ist tatsächlich ein respektabler Grund zur Freude. Die beiden Forschungsberichte behandelten Erweckungsbewegungen in Pommern und Wales: - In den Jahren 1904 und 1905 waren auch aus Deutschland zahlreiche Theologen und Laien der Gemeinschaftsbewegung nach Wales gereist und hatten von dort starke Impulse und Erweckungserwartungen mit nach Deutschland gebracht. Dr. Reinhardt legte Ergebnisse seiner Forschungsarbeit vor und sprach über die Charakteristika dieser Erweckung, über ihre kirchliche und gesellschaftliche Folgen und über ihre Wirkungsgeschichte. - Im Referat von Lic. Sommer über eine charismatisch-pietistische Erweckung in Pommern war v. a. der Hinweis interessant, dass damals eine charismatisch geprägte Frömmigkeit entstand, die folgende Charakteristika aufwies: a) Sie entstand schon im frühen 19. Jahrhundert (also vor E. Irving und L. L. Lästadius), b) sie entwickelte sich in Deutschland und c) sie war vom Pietismus angeregt. Dies wirft ein neues Licht auf die Vorgeschichte und Wesensdeutung der späteren Pfingstbewegung. Das Referat von Dr. Schmidgall, dem Leiter der gastgebenden Ausbildungsstätte, behandelte anhand der lukanischen Aussagen über den Heiligen Geist die Frage, ob die Pfingstkirchen berechtigte biblische Anliegen vertreten, wenn sie a) die Erfahrung einer „Geistestaufe“ im Sinne einer “besonderen Ausrüstung zum Dienst” nach der Bekehrung erwarten und b) zum Teil auch lehren, dass “die Zungenrede ‘das erste Zeichen der Geistestaufe’” sei. Zu diesem Thema gab es außerdem Gespräche in den Arbeitsgruppen und eine intensive Diskussion im Plenum. Der Vortrag von Pfr. Dr. Spornhauer, der sich seit Jahren mit der Geschichte der charismatischen Bewegungen befasst, skizzierte die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte, wie sie "von außen wahrzunehmen sind”. Über die "Suche der 'freien Pfingstler' in Deutschland nach ihrem Platz unter den Kirchen" berichtete Dr. Eisenlöffel in seinem Referat über die Gespräche, die von pfingstkirchlichen Repräsentanten in der Zeit von 1945 bis 1985 mit verschiedenen Gremien geführt wurden. Das Referat mit dem Titel "40 Jahre charismatische Erneuerung" war wohl deshalb besonders beeindruckend, weil der Referent selbst aktiv am charismatischen Aufbruch in Deutschland beteiligt war: Siegfried Großmann, heute Präsident des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, hatte Ende der 60iger Jahre der Pioniergemeinschaft im Schloss Craheim angehört und impulsgebende Bücher geschrieben. Gerade weil dieser Rückblick auch die unerfüllten Träume und geplatzten Hoffnungen nicht verschwieg, war sein Fazit bemerkenswert: "Der charismatische Aufbruch hat erst begonnen. Seine Bedeutung für die Welt ist bisher nur im Ansatz zu erkennen." (siehe auch unten stehenden Kasten mit Gedanken von Siegfried Großmann) Die gelungene Moderation der Tagung mit ihren z. T. engagierten Diskussionen, die nicht immer ganz einfach zu leiten waren, lag in der Hand des VFF-Leitungsteams. Die gastgebende Ausbildungsstätte, das Europäische Theologische Seminar (ETS) der Gemeinde Gottes in Kniebis (Schwarzwald), war ein angenehmes Ambiente für das VFF-Symposium. An einem Abend hatten die Tagungsteilnehmer auch die Gelegenheit, sich in die Spiritualität der Seminargemeinschaft des ETS hineinnehmen zu lassen: Sie konnten einen Gebetsabend mit begeistertem Lobpreis und intensiver Fürbitte für muslimische Länder miterleben. Autor: Rolf-Dieter Braun (50), Diplom-Theologe und Journalist, seit 1985 Mitarbeiter im Hurlacher Zentrum von Jugend mit einer Mission (JMEM), verheiratet und Vater von zwei Söhnen
Internet-Hinweise Weitere Informationen über den VFF: www.freikirchenforschung.de
Über die gastgebende Ausbildungsstätte, das Europäische Theologische Seminar (ETS) der Gemeinde Gottes in Kniebis (Schwarzwald), kann man sich im Internet unter www.bibelseminar.de informieren.
Die Themen der Referate beim VFF-Herbstsymposium 2004 Dr. Dirk Spornhauer (Bad Berleburg): Charismatische Bewegung, Dritte Welle, Neue Gemeinden - Entwicklungslinien und Tendenzen. Ein Blick von außen Siegfried Großmann (Seesen): Vierzig Jahre charismatische Erneuerung: Rückblick, Analyse, Ausblick Dr. Wolfgang Reinhardt (Kassel): Forschungsbericht zur Erweckung in Wales 1904/1905: ihre Ursachen, kirchlichen und gesellschaftlichen Folgen in Wales, ihre ("charismatisch") Besonderheiten und Rätsel, ihre Auswirkungen auf allen Kontinenten und die Wirkungsgeschichte Dr. Paul Schmidgall (Kniebis): Geistestaufe nach Lukas oder Paulus? Eine pfingstliche Fallstudie zur biblischen Hermeneutik Dr. Ludwig David Eisenlöffel (Schliersee): Ortsfindung und Brückenschlag. "Freie Pfingstler" in Deutschland auf der Suche nach ihrem Platz unter den Kirchen 1945-1985 Lic. Gottfried Sommer (Singen): Pfingstlicher Pietismus zu Beginn des 19. Jahrhunderts? Geistliche Aufbrüche in Hinterpommern
“Der Heilige Geist ist ein Meister der Integration ...” Denkanstöße von Siegfried Großmann* - Der charismatische Aufbruch hat erst begonnen. Seine Bedeutung für die Welt ist bisher nur im Ansatz zu erkennen. - Der Begriff "Charismatische Bewegung" hat das Missverständnis gefördert, es gäbe ein Christsein mit Charismen und ein Christsein ohne Charismen. Die Charismen gehören aber zum Grundhandeln Gottes. Darum sollten wir darauf achten, wie wir über die Charismen sprechen. - Integration von Geisterfahrungen und Wachstum der charismatischen Erfahrungen bedeutet u. a.: Man muss auch aus Fehlern lernen können und immer wieder einen neuen Ansatz finden. Dazu gehört auch, dass eine Gemeinde lernen muss, mit Schwierigkeiten umzugehen; sie muss unter Umständen auch das Scheitern in ihre geistliche Erfahrung integrieren können. - Immer dann, wenn eine Bewegung oder eine Person nur einen Ausschnitt aus dem Ganzen der möglichen Geistwirkungen in den Mittelpunkt stellt, entsteht die Tendenz, ganz in diesem Sektor aufzugehen und alles auf diesen speziellen Ausschnitt zu beziehen. Da fehlt die korrigierenden Wirkung von Erfahrungen, die ganz anders sind. Aber das ist keineswegs nur ein Problem bei Christen, die für die Wirkungen des Heiligen Geistes offen sind: Auf diese Weise sind ja viele Überspitzungen in den verschiedenen Kirchen entstanden. - Die Gaben des Heiligen Geistes haben durchaus mit der gesellschaftlichen Situation zu tun: Nicht nur die Diakonie selbst, sondern auch die Gabe des Teilens und die "Hilfeleistungen" werden in Römer 12 bzw. am Ende von 1. Korinther 12 genannt. Auch die prophetische Gabe ist auf Öffentlichkeit hin ausgerichtet: Wenn Christen das ansprechen wollen, was der Geist ansprechen will, dann werden sie auch die gesellschaftliche Öffentlichkeit erreichen; dann können sie sich nicht auf interne Kommunikation beschränken. - Was wäre, wenn Gott in einer Situation, in der eine Veränderung der Politik dringend nötig ist, Menschen, die für die Gabe der Prophetie offen sind, einen Einblick in diese Zusammenhänge geben würde? Im Augenblick wäre zu vermuten, dass die Bundesregierung davon überhaupt nichts erfährt, weil das jeder nur in seiner Gemeinde oder auf seiner Konferenz verkündigt. Wir müssen uns also fragen: Wie kann es passieren, dass Anliegen Gottes, die eigentlich für die Öffentlichkeit bestimmt sind, die Öffentlichkeit gar nicht erreichen? Liegt es daran, dass wir die Öffentlichkeit nicht erreichen? - Der Heilige Geist ist ein Meister der Integration. Er kann in alle kirchlichen Traditionen hineinwirken und kann überall Erneuerung bewirken. Wir Menschen haben allerdings das Problem, dass wir das Wirken des Geistes in einer anderen Tradition oft nicht erkennen. - Wenn wir lernen, sozusagen "nach links und rechts" zu schauen und von unserer eigenen Erfahrung wegzublicken, dann werden wir einen großen Reichtum und eine große Vielfalt im Wirken des Heiligen Geistes entdecken. * Beim Herbstsymposium 2004 des Vereins für Freikirchenforschung (VFF) hat Siegfried Großmann im Rückblick auf die charismatischen Aufbrüche in den letzten Jahrzehnten einige Beobachtungen und Thesen vorgetragen; im Anschluss daran hat er seine Aussagen im Gespräch weiter erläutert. (Interviewfragen, Auswahl und Zusammenstellung: Rolf-Dieter Braun; ausführlicher Interviewtext: http://www.ywamconnect.com/sites/jmem-hurlach/GROSSMANN )
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