Für unsere Großeltern war sonnenklar, was "normal" ist und was "sich nicht gehört". Heute ist das nicht so einfach: Da darf man sich eine eigene Meinung leisten, und die Meinungen gehen dementsprechend weit auseinander.
Die Ehe hat Konkurrenz bekommen.
Aber auch in unserer Gesellschaft, die konsequent pluralistisch sein will, gibt es eigenartige Meinungszwänge und deutliche Toleranzgrenzen. (Wer das nicht glaubt, soll einmal in einer TV-Talk-Show christliche Positionen vertreten und dann in dieser modernen "Löwen-Arena" die Publikumsreaktionen beobachten ...) Und so haben sich weithin neue Vorstellungen über das Zusammenleben von Mann und Frau etabliert, die das Auslaufmodell Ehe gar nicht mehr ernsthaft in Betracht ziehen.(1) Wer von diesem "neuen Grundkonsens" abweicht, bekommt Probleme; er steht zumindest dauernd in einem Erklärungszwang. (2)
Dieser allgemein etablierte "neue Konsens" hat natürlich viele unterschiedliche Schattierungen. Folgende Grundgedanken kann man aber doch feststellen:
- Seit einigen Jahrzehnten ist in unserer Gesellschaft die enge Verbindung von Sex und Ehe nicht mehr selbstverständlich. Sex ist für viele Zeitgenossen das gewisse Etwas, das den Leben den Kick gibt, an das man auf verschiedene Weise herankommt und das man ganz nach Wunsch irgendwie ins Leben einbauen kann.
- Seit einiger Zeit ist es in unserer Gesellschaft nicht mehr der Normalfall, dass Kinder in einer Familie mit verheirateten Eltern aufwachsen.
- Seit einigen Monaten ist die Einzigartigkeit der offiziell geschlossenen Ehe von Mann und Frau nicht mehr selbstverständlich; zur heterosexuellen Lebensgemeinschaft gibt es nun eine Alternative: die gesetzlich ermöglichte und offiziell registrierte Lebenspartnerschaft. (3)
- Seit einigen Jahrzehnten ist es nicht mehr selbstverständlich, dass man zu den Folgen von sexuellem Genuss steht und sich ggf. mit Hingabe und Verzicht um das Kind kümmern muss, für dessen Zeugung man verantwortlich ist und das nun seine beiden Eltern dringend braucht. Den "Störfaktor Kind" kann man durch Tötung ausschalten. (4)
- Seit einigen Jahrhunderten zeichnet sich ab, dass die Behauptung immer unpopulärer wird, man könne von einer allgemeingültigen Wahrheit oder gar von allgemeinverbindlichen Regeln ausgehen.
Nun gibt es andererseits aber auch die Christen, die nach wie vor andere Ansichten haben, die tatsächlich von "absoluten Werten" und "ewiger Wahrheit" sprechen. Wozu eigentlich?
Wozu gibt es eigentlich die Christen?
Ja, wozu gibt es eigentlich die Gemeinde Jesu Christi? (Damit meine ich die Christen in ihrer Gesamtheit.) Mal ehrlich: Wie würden Sie spontan ihre Aufgabe und Funktion beschreiben?
Im Neuen Testament (NT) können wir nachlesen, wozu es die Gemeinde der Christen gibt. Sie wird dort u. a. als "Pfeiler und Fundament der Wahrheit" bezeichnet (1Tim 3,15). Wieso?
Sehen wir uns dieses Bild einmal näher an: Pfeiler und Fundamente haben die Aufgabe, etwas zu tragen; ihr Kennzeichen ist, dass sie aus einem anderen Material als ihre Umgebung (z. B. Erde, Wasser bzw. Luft) bestehen. Oft werden sie aus weit entfernten Steinbrüchen geholt: Sie sind "Fremde aus einer anderen Welt", die sich - unbeachtet oder weithin sichtbar - von ihrer Umgebung unterscheiden.
Genau das ist die Aufgabe der Gemeinde. Und um keinen Zweifel an ihrer wesensbestimmenden Herkunft aufkommen zu lassen, wird sie als "Gemeinde des lebendigen Gottes" bezeichnet.
Die Aufgabe ist also: Die Christen sollen eine tragfähige Konstruktion bilden, die ihre Stabilität durch die zuverlässige Wahrheit Gottes bekommt.
Eigentlich müsste allein schon die Anwesenheit der Christen in der Gesellschaft, die Art, wie sie mit dem Leben umgehen, anderen ein Licht anzünden. So hat Jesus sich das offenbar vorgestellt (Mt 5,14-16). Natürlich ist unser Gemeindeleben, ist die eigene Lebensführung von uns Gemeindegliedern an manchen Stellen ziemlich "heiligungsbedürftig". Aber manche Aspekte der christlichen Gemeinschaft wirken einfach schon durch ihr Dasein. Am Beispiel der Gemeinde Jesu Christi sollte man sehen können, warum (!) und wie Menschen aus verschiedenen Völkern und sozialen Schichten zusammenleben können. (5)
"Christen sind etwas Besonderes."
Wie finden Sie diesen Satz? Natürlich ist arrogantes Elitedenken nicht das, was wir kultivieren und weitergeben wollen; so ist das nicht gemeint. Aber es gibt gute Grunde, warum Christen deutlich anders sein müssen, warum ihre Kommentare zum Zeitgeschehen oft unpopulär sein sollten und warum sie nicht einfach nur zeitgemäß denken dürfen.
Wenn wir Kinder haben, dann wissen wir: Sie spüren besonders deutlich diesen Widerspruch zwischen den christlichen Überzeugungen ihrer Eltern und den Meinungen, die der ganze Rest der Welt hat und laut über alle Kanäle verkündet.
In dieser Situation hilft es unseren Kindern, wenn wir ihnen genau das klarmachen: Christen sind etwas ganz Besonderes - nicht etwa deshalb, weil sie so clever sind, sondern nur deshalb, weil Gott ihnen seine Gedanken ("Wahrheit") anvertraut hat. Wenn das nichts Besonderes ist: Gott zeigt und Zusammenhänge, die andere gar nicht wahrnehmen können - wir selbst ja auch nicht; wir bekommen sie gezeigt. Und das nennt man "Gnade" und "Offenbarung".
Ab und zu fällt mir ein Spruch ein, den ich vor vielen Jahren gelesen habe; er lautet etwa so: "Die Wahrheit ist nicht modern, nicht veraltet - sie ist einfach ewig." Eine Offenbarungsreligion - und echtes Christentum kann nichts anderes sein - hat mehr und anderes zu sagen als eine Weltanschauung, die vom Menschen ausgeht.
Wenn es stimmt und wenn wir davon überzeugt sind, dass Gott geredet hat und dass er uns Menschen - in Christus - seine Wahrheit anvertraut hat, dann steckt darin eine Chance und Aufgabe. Das gilt dann auch für Gottes Gedanken über Ehe und Treue.
Ausgehnd von dieser Perspektive können wir auch unseren Kindern Entscheidendes vermitteln - generell und über die lebensprägenden Bereiche Sex und Partnerschaft. Dann können wir ihnen z. B. erklären, ...
... warum konsequente Christen oft schon ihrer Zeit voraus waren
... warum sie aber noch öfter als veraltet gelten
... warum der Prüfstein für die Qualität von Überzeugungen nicht einfach die öffentliche Meinung oder die Mehrheitsmeinung sein kann
... warum für Christen das Kriterium "Was bringt mir das?" nicht ausschlaggebend ist, auch wenn es zu den zentralen Dogmen unserer Zeit gehört
... warum "Treue" eigentlich doch kein veralteter Begriff ist - auch wenn wir ihn heute erklären und mit anderen Worten umschreiben müssen
... warum die christliche Sexualethik so gut ist, dass sie vielen nicht passt, die nun einen Vorwand suchen, sie als veraltet oder einengend (6) hinzustellen.
Gottes Wahrheit - noch nie war sie so wertvoll wie heute. Und das, was uns am wertvollsten und kostbarsten erscheint, möchten wir weitergeben; deshalb nennt man es wohl Werte. (7)
"... die Kinder machen ja sowieso alles nach."
Vieles, was im Neuen Testament als Abläufe des christlichen Gemeindelebens erwähnt oder beschrieben wird, hat mit diesen Formen und Aufgabenstellungen der Wertevermittlung zu tun. Aus den Anweisungen der Paulus-Briefe könnte man dazu eine ganze Menge Beispiele zitieren. In unserer theoretisierenden Kultur muss man auch hier wieder betonen: Zu dieser „gesunden Lehre", wie Paulus eine Hauptaufgabe der Gemeinde nennt, gehört auch das praktische Vorbild (vgl. 1 Tim 4,12b; vgl. 1Thess 1,7). An mehreren Stellen z. B. Phil 3,17; 2 Thess 3,9; 2 Tim 1,13) schreibt Paulus auch ganz unbefangen, dass die anderen Christen einfach seinem Vorbild folgen sollen.
Wertevermittlung ist - wie schon oben angedeutet - kein theoretischer Vorgang, sondern hat bekanntlich vor allem mit unserem Leben zu tun. Wir wissen ja: Die Wirkung der Wertevermittlung, die in der Gemeinde durch Erfahrungsberichte geschieht, ist in der Regel viel höher als die einer Grundsatzformulierung in einem Lehrvortrag oder in einer Predigt.
Das bedeutet auch: Eine Hochzeit ist ein demonstrativer Akt der Wertevermittlung. Die Eigenart der Christen, noch immer im herkömmlichen Stil Ehen zu schließen, wirkt für manche außenstehenden Beobachter vielleicht nur wie eine konservative Macke. Aber könnte es nicht auch sein, dass mancher mit heimlichem Neid denkt: "Das sind Leute, die vor einer lebenslangen Bindung keine Angst haben. Woher nehmen die den Mut zu einem solchen Treueversprechen? Und woher nehmen die ein solches Vertrauen in die Zukunft?"
Auch in der Erziehung (sowohl im Gemeinde-Kontext als auch in der Familie) sollten wir uns immer wieder die viel zitierte Einsicht klarmachen: "Die ganze Erziehung nützt nichts - die Kinder machen ja sowieso alles nach."
Ein Beispiel: Wie war das bei Ihnen nach dem Anschlag auf das World Trade Center - welche Kommentare hat ihre Umgebung von Ihnen zu hören bekommen? Welche Schlüsse haben - falls Sie Mutter oder Vater sind - ihre Kinder aus Ihrer Reaktion ziehen können?
Was machen Sie, wenn Sie frustriert sind?
Dass Wertevermittlung kein theoretischer Vorgang ist, gilt auch für die Entwicklung der Identität, zu der bekanntlich ganz zentral unsere Sexualität gehört. Diese wichtige Wertevermittlung, die "zwischen den Zeilen" im Elternhaus geschieht, hat Ralf Wagner, ein langjähriger Mitarbeiter in der Jugendarbeit, mit folgendem Beispiel beschrieben: "Die Gespräche zu Hause sind von größter Bedeutung. Hier lernt schon das kleine Kind, was im Leben wichtig - oder angeblich wichtig - ist: Welches Verhältnis zwischen Vater und Mutter erlebt das Kind? Wie spricht der Vater über Frauen? Geht es im Leben vor allem ums Geld? Oder sind auch Beziehungen etwas Wertvolles? Und was gilt als "typisch männlich"? Auf diese Weise lernt ein Kind, "worauf es ankommt"." (8)
Für das künftige Verhalten in Partnerschaft und Ehe ist sogar die Wertevermittlung, die durch das Konsumverhalten im familiären Alltag geschieht, wichtig. Dazu Ralf Wagner: "Wie reagieren wir, wenn es Frust gibt? Durch das elterliche Vorbild lernt schon das Kind, wie man im Leben mit Problemerfahrungen umgeht: Wird Ärger, Enttäuschung und Schmerz durch Ersatzbefriedigungen überspielt? Das passiert, wenn sich Reaktionsmuster der folgenden Art einschleichen: Wenn ich frustriert bin, haue ich mir den Bauch voll, gehe ich einkaufen, spüle ich meine Sorgen runter, verschaffe mir Lustgefühle durch sexuelle Erlebnisse, sitze ich stundenlang vor dem Fernsehgerät. Durch solche Beobachtungen wird ein Kind in seinem Grundverhalten geprägt, das dann auch sein Sexualverhalten steuert." (9)
Unter der Lupe: Wo geschieht diese Weitergabe von Werten?
Wenn uns die Bedeutung dieser oft unterschätzten Vorgänge "im wirklichen Leben" klar ist, dann können wir uns auch etwas grundsätzlicher an die Wertevermittlung in der Gemeinde heranwagen.
Zunächst ist die Wahrheit keine Sache, die man "in der Tasche hat", sondern etwas, das bei der Anwendung und Weitergabe seinen Wert erkennen lässt - so wie ein praktisches Werkzeug oder ein gültiger Geldschein. Deshalb bedeutet der Umgang mit der Wahrheit für die Christen nicht einfach, "im Besitz der Wahrheit" zu sein. Das korrekten Nachsagen von Richtigkeiten ist wohl kaum das, was Jesus mit dem Leben in der Wahrheit gemeint hat. Der entscheidende Vorgang ist die Anwendung, Veranschaulichung und tatsächliche (d. h. prägende) Weitergabe von Werten. Und dies geschieht in jedem Augenblick - ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht.
Hier sollten wir uns einmal die verschiedenen Übergangsstellen, an denen diese Wertevermittlung in der Gemeinde geschieht, in groben Zügen bewusst machen.
1. Zunächst ist es natürlich wichtig, dass eine Gemeinde die Grundwerte an neu hinzugekommene Menschen weitergibt. Dabei müssen wir uns klar machen: Solche Lebensgrundlagen stehen in Konkurrenz zu anderen prägenden Impulsen; wir können nicht einfach voraussetzen, dass heute jeder widerspruchslos nickt, wenn wir sagen: "Aber in der Bibel steht ..."
2. Dann muss auch unter den "alteingesessenen" Gemeindemitgliedern ständig ein Überprfungsprozess stattfinden: Wo haben uns die Denkweisen des „Zeitgeistes" von unseren Grundwerten abgelenkt? (10) Wo sind wir ohne Nachzudenken unseren "Stammes-Traditionen" auf den Leim gegangen? Schon Luther hat den Grundsatz formuliert, dass die Kirche ständig neu reformiert werden muss ("ecclesia semper reformanda").
3. Wesentlich komplexer ist die Weitergabe christlicher Werte an die nächste Generation. (11) Hier gibt es - je nach Entwicklungsstadium der Kinder - bestimmte Überschneidungen: Eltern und Gemeinde können als konkurrierende oder als einander ergänzende Impulsquellen wirken. Besonders spannungsvoll ist sicher das Nebeneinander von christlicher Werteerziehung und überzeugungsprägenden Impulsen aus anders orientierten Medien. (12)
Im Kontext unserer Frage, worauf es in einer treuefeindlichen Gesellschaft ankommt, kommt hier natürlich eine gute Sexualerziehung in den Blick. Wir Christen sollten zumindest das motivierende Ziel haben, dass unsere Kinder am besten von allen in der Klasse über Sex Bescheid wissen.
4. Und dann gibt es noch eine "Front", an der die Wertevermittlung wohl besonders schwierig ist: Christen wollen ihre Grundwerte, die sie als wertvolle Hilfe erkannt haben, auch denen nahebringen, die mit Christentum nicht viel zu tun haben, den Leuten, die im NT als "die Welt" bezeichnet werden. Unsere Botschaft richtet sich also auch an diejenigen, die meinen, sie wüssten schon alles über diese veraltete christliche Religion.
Man kann das aber auch anders ausdrücken: Dass Christen einen werte-orientierten Lebensstil haben, ist eine Chance für unsere Gesellschaft.
Das Salz in der Suppe
Wenn Christen tatsächlich ihrem Vorbild Jesus konsequent nachfolgen, kann die ganze Gesellschaft von ihnen lernen - nicht nur wie man "in den Himmel kommt", sondern eine Menge Zusammenhänge, die der Schöpfer des Universums wohl am besten kennen muss. (13)
Von den Christen sollte man z. B. lernen können, wie man vom Zeitgeist unabhängig wird. Freiheit ist auch für überzeugte Nichtchristen ein wichtiges Thema. Jesus war das Spitzenbeispiel für einen souverän handelnden Menschen, so dass an ihm jeder studieren kann, wie wahr und wichtig der Grundsatz "Heiligkeit macht frei" ist.
Wahrheit kann man als Maßstab benutzen, weil sie nicht von Menschen stammt. Das war die Überzeugung der Christen, die in der Nazizeit zu Märtyrern wurden. Von ihnen können wir und unsere Kinder heute lernen, wie Gottes Offenbarung Widerstandsfähigkeit und Scharfblick ermöglicht. (14) Von ihnen kann aber auch unsere nichtchristlich geprägte Gesellschaft lernen, wie wertvoll es ist, ein unbestechliches Korrektiv zu besitzen: Nur so kommt es ans Tageslicht, wenn sich eine ganze Gesellschaft von irgendwelchen ideologischen Götzen faszinieren lässt. (15)
Diese grundsätzliche Relevanz des christlichen Denkens für die Gesellschaft ließe sich an vielen weiteren Beispielen zeigen. (16) Dass dies so ist, liegt an Gottes Weisheit, die hinter seiner Offenbarung steckt. (17) Ich möchte das mit ein paar anschaulichen Gedanken von Günter Refle über die "Salzwirkung" des Christentums (18) illustrieren: "Es ist richtig, Energie zu sparen - deshalb spare ich Energie. Weil ich vor Gott verantwortlich bin, hat richtiges Handeln an sich einen Wert. ... Und was es dann auf globaler Ebene 'bringt' - das ist in diesem Fall nicht von Bedeutung für mein Handeln. ... Das entscheidende Moment bei der christlichen Verantwortung ist die Tatsache, dass Gott dahintersteht, dass es um ihn geht. Das hat Konsequenzen - z. B. für die Ökologie: Es bedeutet nämlich, dass für den Christen die Schöpfung schon allein dadurch, dass sie von Gott geschaffen ist, einen Wert besitzt. Ein anderes Beispiel ist die Menschenwürde. Sie beruht auf der Gottes-Ebenbildlichkeit des Menschen. ... Ob es 'etwas bringt' - das ist aus der Sicht der christlichen Ethik eine falsch gestellte Frage ... Verantwortlich bin ich für das, was ich beeinflussen kann. Worauf es ankommt ist, dass jeder in seinem Einflussbereich das Richtige tut." (19)
Ähnliches gilt auch für die brisanten Fragen der Bio-Ethik (Gentechnik), der Euthanasie und - nicht zuletzt - in der Sexualethik.
In einer pluralistischen Gesellschaft "Fundament der Wahrheit" zu sein - das ist keine leichte Aufgabe. Wie geben wir die Botschaft Gottes effektiv weiter? Den Massstab dafür kann man vielleicht so formulieren: Können aus unserer "Verkündigung" auch diejenigen etwas lernen, die meinen, sie wüssten schon alles über das Christentum? Können sie daraus sogar etwas über das Zusammenleben von Mann und Frau lernen?
Fragen an nachdenkliche Zeitgenossen
Damit das geschieht, genügt es nicht, dass wir unsere Überzeugungen möglichst laut verkündigen. Vielmehr müssen wir ...
- mit Andersdenkenden einen Weg gemeinsam gehen,
- ihre Anliegen und Auswegslosigkeiten ernst nehmen,
- nur dort Antworten geben, wo die wirklichen Fragen auftauchen,
- erzählen, an welchen Stellen Gottes Wahrheit ihre befreiende Kraft entfaltet, und
- erklären, wie man das selbst erleben kann.
Die Frage heißt auch: Was brauchen Menschen, die vom Christentum - und speziell von sogenannter christlicher Sexualmoral - verletzt sind und keinerlei Hoffnungen haben, dass von dort jemals etwas Hilfreiches kommen könnte?
Sie brauchen Fragen, die ein neues Licht auf die alten Bibelaussagen werfen, gedankliche Brücken, die auf ihrem Ufer beginnen und denen sie sich anvertrauen können, Horizonte der Freiheit, die wieder Erwartungen wecken. Solche wirkungsvollen Fragen, die Altes in ein neues Licht tauchen und neue Denkmöglichkeiten eröffnen, klingen vielleicht so:
- Könnte es sein, dass hinter den anscheinend so verklemmten Lebensgrundsätzen des Christentums nicht nur menschliche Ideen stecken, sondern die göttliche Weisheit, die uns gut tut, weil sie zur Freiheit führt?
- Könnte es sein, dass wir hinter dem Gesamtbild christlicher Sexualmoral, die von manchen Seltsamkeiten der Kirchengeschichte verzerrt ist, doch Schätze finden können, wenn wir in die tieferen Schichten vordringen, wenn der Begründer dieser Bewegung selbst in das Blickfeld kommt?
- Könnte es sein, das die Koppelung von Ehe und Sex, die Verbindung von erotischer Faszination und konsequenter Hingabe an eine einzige Person genau das ist, was auch wir modernen Menschen brauchen und was uns allen gut tut? (20)
- Könnte es sein, dass sogar in der - für heutigen Ohren fast unerträglichen - Aussage, dass der Mann das Haupt der Frau sei, viel mehr steckt (21) als die bornierte und hoffnungslos patriarchalische Gedankenwelt eines orientalischen Rabbi aus der Antike?
Die notwendige "Kontrast-Gesellschaft"
Die Gemeinde der Christen ist in vieler Hinsicht anders als ihre Umwelt; Petrus bezeichnet die Empfänger seines Briefes als "die Fremden". (1 Petr 1,1; 2,11)
Ein NT-Experte hat das so ausgedrückt: "Mit dem Kommen Jesu auf diese Erde ... entstand ... eine Kontrast-Gesellschaft (Apg 2,42-47), in der es nicht darauf ankommt, ob man Sklave oder Freier, Mann oder Frau, Jude oder Grieche ist (Gal 3,28). Das Heil, das Jesus brachte, ist ... gesellschaftsverändernd – es kann gar nicht anders sein." (22)
In den Gemeinden der Christen war von Anfang an vieles anders als bei den Nichtchristen (23) ; das sollte auch heute so sein. Dahinter sollte aber nicht verbohrter Rundum-Konservativismus als Triebkraft stecken; auch nicht Angst oder die Unfähigkeit zur Einsicht in die gesellschaftlichen Entwicklungen. Sondern: Die Christen sollten an den entscheidenden Stellen und mit der richtigen Motivation anders sein. Dazu möchte ich einen alten Spruch zitieren:
"Frage nicht, was Menschen sagen,
tue ruhig deine Pflicht.
Gott wird nicht die Menschen fragen
wenn er einst dein Urteil spricht."
Hinter dieser gereimten Lebensregel steht die wichtige Überzeugung: Wahrheit ist aus einem anderen Material als die windigen Meinungen und Modephilosophien, an denen christliche Überzeugungen oft gemessen werden. Wie ein Fels aus der Ewigkeit ragt die Wahrheit Gottes in unsere Zeit herein. Die Leute, bei denen ich den oben zitierten Spruch oft gehört habe (es waren meine Großmutter und mein Onkel), waren aus Erfahrung überzeugt: Die Wahrheit, die Gott uns in der Offenbarung der Bibel anvertraut hat, ist ein felsenfestes Fundament.